Leitnotierung: Mehr Fairness schafft Spielrau...
Jörg Schiffeler
Leitnotierung

Mehr Fairness schafft Spielraum für mehr Wert

Dienstag, 04. April 2017

FRANKFURT Des einen Freud, des anderen Leid. So denken sicher viele von Ihnen mit Blick auf die Notierungen für Schweine. Doch so einfach ist es nicht, denn auch diese Losung gilt so nicht mehr.

Erhält der Landwirt mehr fürs Schwein, grübelt der Metzger voller Sorgen über seiner Kalkulation. Inzwischen ist es ganz anders: die Kette der Fleischwirtschaft – von der Erzeugung über die Gewinnung, Verarbeitung und Vermarktung – ist so stark ausgereizt, dass die Margen unabhängig vom Rohstoffpreis mindestens knapp ausfallen. Fallende Einkaufspreise auf der Beschaffungsseite bescheren allenfalls etwas mehr Luft zum Atmen.


Warum ist das so? Die Professionalisierung der Agrarbetriebe, die penibel durchorganisierten und teils automatisierten Schlachtgiganten und knappe Kalkulationen auf der Seite der Verarbeiter haben Arbeitsschritte und Produktionstechnik durch zahlreiche Innovationen schlanker gemacht.

Der Lebensmittelhandel auf der anderen Seite kennt die Zahlen nur allzu gut, denn mit seinen eigenen Fleischwerken muss er bei der Kosten- und Preisentwicklung mithalten. Mitunter übernehmen die Wurstfabriken des Handels auch die Kostenführerschaft und setzen die Fleischwirtschaft in den Listungsgesprächen gehörig unter Druck. Der Verhandlungsspielraum ist klein und dürfte wohl kaum größer werden. So geraten die Hersteller von Fleischwaren und Wurst in die Zange des Handels, und in der Folge werden sich Marktteilnehmer verabschieden müssen. Die Branche steht vor einer weiteren Konsolidierungsphase. Aus den Unternehmenszentralen heißt es dann gewöhnlich „Wir setzen auf Qualität“, „Wir lancieren Innovationen“ oder „Das können nur wir“. Das Besinnen auf eigene Stärken verlangt jedoch auch nach einem Schulterschluss untereinander. Gewiss ist das eine Herausforderung, denn das Bundeskartellamt setzt enge Grenzen. Diese Erfahrung hat der Fleischsektor gemacht.

Mehr Gemeinsamkeit muss allerdings drin sein. Schließlich haben Bauern, Schlachter, Zerleger, Verarbeiter, Meister und Händler sich im Grunde auf wesentliche Punkte verständigt: Ein Mehr an Tierwohl, mehr soziale Verantwortung sowie eine bessere Umweltverträglichkeit bei der Erzeugung von Lebensmitteln. Diese Eckpunkte sollten es ermöglichen, im gegenseitigen Austausch erforderliche Positionen auch zur Preispolitik zu erarbeiten.

Das Fleischerhandwerk gelangt ebenfalls in den Strudel der Preisspirale. Die Verbraucher sind sensibel und wissen ziemlich genau, ob das Hackfleisch beim Metzger eine Preis-Schallmauer im Vergleich zum Supermarkt durchbricht oder nicht. Deshalb können Fachgeschäfte ihre Verkaufspreise auch nicht ohne den Blick auf die Läden in der Nachbarschaft kalkulieren – selbst wenn das Sortiment die edelsten Attribute erfüllt.
Vielleicht ist die Zeit reif, das wöchentliche Ritual der Preisfeststellung zu beenden. Zum einen, weil das von Politikern und Verbrauchern geforderte Mehr an Tierwohl Mehrkosten in der ganzen Kette verursacht. Die Landwirte müssen unter anderem in Haltungsformen investieren, und in der Folge muss für das erzeugte Kilo Fleisch auch mehr bezahlt werden. Man sollte meinen, Fleisch mit mehr Wert darf auch mehr kosten. Doch daran müssen viele Marktbeteiligte noch arbeiten.

Zum anderen haben unterschiedliche Märkte – also in Deutschland, Europa, in der Welt – verschiedene Anforderungen an den Rohstoff Schwein. Warum also nicht eine gemeinsame Strategie entwickeln, die verschiedenen Bedürfnissen gerecht wird und marktorientierte, faire Notierungen das Ziel sind?

Aktuell werden die Preise an den Schlachtschweinemärkten geschluckt, weil zu wenige Tiere verfügbar sind. Außerdem erwartet rund ein Dutzend Betriebe die Zulassung für den Export nach China. Deshalb setzen die großen Schlachthöfe alles daran, ihre Kapazitäten auszulasten. Preiswerter wird es vorerst nicht.

Quelle: afz 14/2017
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