Leitsätze: Klarheit ohne Kompromisse
Jörg Schiffeler
Leitsätze

Klarheit ohne Kompromisse

Mittwoch, 26. Juli 2017

FRANKFURT Klarheit und Wahrheit, das fordern Verbraucherschützer immer wieder ein. Zu Recht. Diese Maxime muss für die Produkte aus Fleisch gelten, wie auch für die zahlreichen Varianten an fleischfreien Alternativen. Doch der Reihe nach.

Die Wurst ist in Deutschland ein Kulturgut. Die Wertschätzung im Ausland übertrifft sogar den Stellenwert hierzulande. Seit Jahrhunderten wird beispielsweise aus Rind- und Schweinefleisch Brüh-, Koch- und Rohwurst hergestellt. Ebenso verarbeiten die Metzger den Rohstoff Fleisch zu Frikadellen, Geschnetzeltem und Gulasch. Für die unzählbare Produktvielfalt gibt es eine Art Bibel, in der alles akkurat festgehalten wird: die Leitsätze. Sie geben Orientierung für die Fleischbranche – Industrie und Handwerk –, für die Überwachungsbehörden und nicht zuletzt auch für die Verbraucher. Güte- und Kennzeichnungsregeln für fleischfreie Alternativen sucht man stattdessen vergebens. Hier darf jeder Hersteller – egal, ob Manufaktur oder Großbetrieb – nach Gusto kreativ sein. In den vergangenen Jahren entpuppte sich ausgerechnet die Fleischwarenindustrie als Motor bei der Entwicklung vegetarischer und veganer Produkte. Es zeichnet den Fleischsektor aus, dass gerade die Wurstfabriken mit Ideenreichtum und unter Anwendung innovativer Lebensmitteltechnologie die Handelsregale in den Supermärkten mit fleischfreien Produkten bestücken. Zweifelhaft daran ist, dass sich diese Artikel mit den Attributen der Klassiker von Schwein, Rind & Co. schmücken. Das muss das Fleischerhandwerk aufbringen, und es rührt auch Teile der Fleischwirtschaft auf.

Darum kümmerte sich bisher niemand. Allein deshalb benötigen fleischlose Buletten, Schnitzel und Würste eine Beschreibung durch Leitsätze. Dabei geht es nicht nur um eine mögliche Irreführung der Verbraucher, sondern erst recht um die deutliche Abgrenzung. Ebenso schielt die Lebensmittelüberwachung nach mehr Orientierungssicherheit, denn für die Behörden sind vegane und vegetarische Lebensmittel mit Produktbezeichnungen wie „vegetarische Filetstreifen“ oder „vegetarische Bratwurst“ eine Herausforderung.
Wo Käse, Butter oder Joghurt draufsteht, muss auch ein Milchprodukt drin sein. Das gilt eben nicht für Schnitzel, Hack, Streifen, Geschnetzeltes oder Wurst. Leider. Warum eigentlich nicht? Mehr Mut zum Schutz für traditionsreiche Produkte!

Quelle: afz 30/2017
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