Meinung & Debatte: Schluss mit Pokern
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Schluss mit Pokern

FRANKFURT Zeiss ist ins Schlingern geraten. Der Rückzug der Inhaberfamilie, der Einstieg von Finanzinvestoren und die Bestellung branchenfremder Geschäftsführer führten nun zum Gang vor das Insolvenzgericht.

Die Metzgerei Zeiss steht für eine 107-jährige Tradition. Zu ihren Stärken gehörte stets die eigene Zerlegung sowie die Herstellung von Fleischwaren und Wurst. Nicht nur die Fleischwurst ergatterte zahlreiche Medaillen.


Erich Zeiss legte großen Wert auf seine „Großmetzgerei-Familie“. Mit der Expansion ins Filialnetz in Hessen und später ins benachbarte Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg begann der Aufstieg in die große Liga. Für das Jubiläumsjahr 2008 peilten die langjährigen Geschäftsführer Edgar Rinke und Josef Schlosser die 100. Verkaufsstelle an. Dazu kam es nie, denn das Geschäft wurde schwieriger. Die beiden standen allerdings vorbildlich zu ihrem Arbeitgeber. Als sich Erich Zeiss nach 40 Jahren als geschäftsführender Gesellschafter aus seinem Betrieb zurückzog, übernahmen Rinke und Schlosser Unternehmensteile durch ein Management-Buy-out. Den größeren Anteil kaufte der Finanzinvestor Aheim Capital, der schließlich mit Stefan Bosbach einen Branchenfremden zum Geschäftsführer bestellte.

Von da an knirschte es in Hanau gewaltig. Zeiss musste sich neu erfinden, was sichtlich schwer fiel. Rinke und Schlosser stiegen aus. Die Kosten waren zu hoch; sinkende Umsätze erforderten neue Konzepte. Die Chefetage setzte auf die Verschlankung der Produktion und kaufte mehr Ware zu. Vor Ort versuchte sie, aus Konzessionären Franchisenehmer zu machen und Fachpersonal teilweise durch Hilfskräfte zu ersetzen. Damit verließ der Filialist seine Wurzeln. Kunden blieben immer öfter aus. Parallel versuchte man sich an neuen Standorten. Je nach Lage setzte Zeiss nun vollständig auf die Imbissstrategie. Die Klassiker aus der heißen Theke mussten sich aber dem knallharten Preiswettkampf stellen. Das wollte die Heuschrecke vom Starnberger See nicht länger mitmachen, suchte und fand mit dem Investor GfW einen neuen Eigner.

Jetzt braucht Zeiss Orientierung. Das Pokern um Beteiligungen muss ein Ende haben. Die Hanauer beschäftigen gut 350 Mitarbeiter. Sie dürfen mit Fug und Recht von ihrer Führungsriege alle Anstrengungen für ein Fortbestehen des Betriebs verlangen.

Quelle: afz 50/2015
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