Notierung: Wie hoch ist der Preis des Vertrau...
Notierung

Wie hoch ist der Preis des Vertrauens?

FRANKFURT Schlachtschweine werden seit jeher volatil gehandelt. Vielleicht ist dieses Modell nicht mehr zukunftsfähig.

Während der sogenannte Schweinezyklus in der Vergangenheit entweder für Schweißperlen auf der Stirn sorgte oder mehr Luft zum Atmen ließ, sind es immer mehr Unwägbarkeiten, die zu periodischen Preisschwankungen führen.


Das wird sich so schnell nicht ändern, weil der Rohstoff Schweinefleisch heute ein globalisiertes Produkt ist. Auch wenn der Heimatmarkt Deutschland für die Fleischindustrie überlebenswichtig ist, so spült die Belieferung der Exportmärkte viel Geld in die Kassen der hiesigen Unternehmen. Außerdem steigert die hohe Nachfrage – vor allem aus China – die Wertschöpfung, weil neben Bäuchen vor allem Pfötchen, Schnäuzchen und Klauen geliefert werden, die hier kaum Abnehmer finden. Das ist obendrein auch nachhaltig. Der enorme Preisverfall der wichtigsten Notierung für Schlachtschweine als Folge der Schließung des Tönnies-Stammwerks ist ein Alarmsignal. Binnen kurzer Zeit rauschte der Kurs sowohl hierzulande als auch in den Nachbarstaaten in den Keller, weil sich die Tiere in den Ställen stauen. Ein Ende ist noch nicht in Sicht. Die Corona-Krise führt einmal mehr vor Augen, dass die Schlachtvieh- und Fleischmärkte stark anfällig für Verwerfungen sind. Die Kursschwankungen drücken auch den Bauern auf die Stimmung. Die Bereitschaft zu Investitionen für mehr Tierwohl in der Landwirtschaft sinkt, denn die Erzeugung der Mittel zum Leben muss zu allererst wirtschaftlich tragfähig sein. 
Ob der Abbau der Rinder- und Schweinebestände in Deutschland da eine gute Nachricht ist, bleibt abzuwarten. Die Zahl der gehaltenen Tiere ist auf den tiefsten Stand seit mehr als 20 Jahren gefallen und die Notierung rutschte so stark ab, wie seit 2011 nicht mehr. Es ist höchste Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, wie und zu welchen Konditionen in Deutschland Fleisch erzeugt werden soll. Verlorenes Vertrauen gibt es nur zurück, wenn die Produktion im gesellschaftlichen Konsens zukunftsfähig gestaltet wird.

Lesen Sie zum Thema auch den Beitrag „Stimmung der Bauern bleibt gedämpft“.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 29/2020
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