Ranking der Fleischwirtschaft: Entwicklung ko...
Ranking der Fleischwirtschaft

Entwicklung kostet Kraft und Mut

FRANKFURT Wenn die afz alljährlich die frische Liste der 100 größten Unternehmen der Fleischwirtschaft vorlegt, stehen die Zeichen grundsätzlich auf Wachstum: mehr Schlachtungen, höhere Umsätze, gewachsener Export. Der Blick zurück auf das jeweils abgelaufene Jahr zeigt aber genauso verlässlich, dass es kein leichtes war für die Branche. Wer heute sein Geld mit Fleisch und Wurst verdient, ist Kummer gewohnt.

Der größte Ruck ging 2014 sicher von dem Embargo Russlands aus. Der fehlende Absatzkanal verstopfte den Markt für Schweinefleisch in ganz Europa. Die Preise gingen in den Keller und brachten manche Landwirte in Existenznot. Die Exportbilanz des laufenden Jahres zeigt aber, dass die Mengen sich zum Teil umlenken ließen. Besonders China macht den Exporteuren derzeit Freude. Neue Märkte zu öffnen bedarf allerdings einer tatkräftigen Vorbereitung durch die Politik, wirkt aber am Ende nachhaltiger als kurzfristig mildernde Marktstützungsmaßnahmen.



Dass die deutschen Schlachtunternehmen ihre Leistung immer weiter steigern, hängt auch damit zusammen, dass sie großes Geschick beweisen, wenn es darum geht, jedes Teil des Tiers im jeweils passenden Markt mit der größten Marge zu platzieren. Damit gelingt es schließlich auch, weitgehend das ganze Tier zu verwerten. Doch Auslandsmärkte – gerade die aufstrebenden Nationen – bergen zugleich eine gewisse Unsicherheit, wie das Beispiel Russland zeigt. Oder aktuell China: Wie geht es dort wirtschaftlich weiter?
Ein weiterer Kraftakt der Fleischwirtschaft war 2014 der Aufbau der Initiative Tierwohl. Nach langem Mühen gelang es schließlich ein tragfähiges System zu konstruieren. Vor allem das breite Plazet des Handels für die Brancheninitiative war ein Durchbruch. Damit ist ein wichtiger Anfang gemacht: Für die Landwirte gibt es nun einen finanziellen Anreiz, die Haltungsbedingungen entlang der Bedürfnisse der Tiere weiterzuentwickeln. Ein Problem bleibt aber die Kommunikation der Initiative. Es ist schwierig dem Kunden zu vermitteln, dass der Supermarkt zwar grundsätzlich für das Plus an Tierwohl einsteht. Das Fleisch, das er gerade in seinen Einkaufswagen packt, muss aber nicht zwangsläufig zu der „besseren“ Ware gehören.

Einen Meilenstein markierte der 2014 unterzeichnete Verhaltenskodex der Fleischwirtschaft, der im August parallel zum Mindestlohn in Kraft trat. Damit packte die Branche endlich – und erst auf Druck der Öffentlichkeit hin – das Problem der prekären Arbeits- und Wohnverhältnisse bei manchen Subunternehmen an. Vor wenigen Wochen folgte eine weitere Selbstverpflichtung: Künftig sollen alle Arbeitnehmer in Deutschland angestellt sein und hier ihre Abgaben zahlen. Der Abschied von den Werkverträgen geht schrittweise.

Was 2014 noch mit Argwohn beäugt wurde, hat sich im Lauf dieses Jahres zum Renner entwickelt. Die Veggiewelle ist nicht länger der Feind der Fleisch- und Fleischwarenindustrie, im Gegenteil: Eine Reihe namhafter Hersteller hat sich den Trend zu Nutze gemacht und auf Basis der etablierten Marke das Sortiment um fleischlose Varianten ergänzt. Auf der Anuga dürften noch weitere Hersteller mit Vegetarischem und sogar Veganem ins Rennen gehen. Doch eine Frage bleibt: langfristige Entwicklung oder kurzlebiger Hype?

All diese Fortschritte und Leistungen sind Zeichen für die Innovationskraft der Branche. Die Themen zeigen aber auch, dass die Herausforderungen für die Fleischwirtschaft nicht kleiner werden. Entwicklung ist mit Kosten verbunden. Und so sind auch die Unternehmensbilanzen zu lesen: Umsatz ist nicht gleichzusetzen mit Gewinn. Um die Herausforderungen von morgen und übermorgen zu meistern, bedarf es der Investition schon heute.

Quelle: afz 41/2015
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