Raus aus der Klemme
Jörg Schiffeler

Raus aus der Klemme

Donnerstag, 12. Juni 2014

Jörg Schiffeler über die Notwendigkeit zur Vertrauensbildung in der Fleischwirtschaft 

Die Fleischbranche in Deutschland hat es nicht leicht. Die gemeinsame Jahrestagung der Branchenverbände BVDF und VDF in Hamburg offenbarte, wie sehr der Sektor zwischen eigenen Maßnahmen der Vertrauensbildung und einem Generalverdacht in der öffentlichen Wahrnehmung leidet.

Die Bilanz der beiden Verbände fällt mit einer stolzen Umsatzsumme von 36,1 Mrd. € wirtschaftlich positiv aus: Die Produktionsmenge der Schlachtbetriebe legte zu, dem leichten Produktionsrückgang in der Verarbeitung stehen erhöhte Verkaufspreise gegenüber. So richtig freuen mag sich dennoch niemand.

Der Schuh drückt an anderen Enden. Wofür steht die Branche? Zu den Herausforderungen für den Fleischsektor gehören heute Themen, die die Gesellschaft an ihn stellt. Ethik und Moral für Mensch und Tier stehen im Fragenkatalog ganz oben. Die Bürger erwarten Antworten und Lösungen von der Branche und keine Beschwichtigungen.

Die Fleischwirtschaft bietet viele offene Flanken: die Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse ihrer Mitarbeiter, die Tierhaltung und verwirrende Produktgeschichten, die Bauernhofidylle auf dem Etikett vermitteln.

Ohne klare Worte bleiben Schlachter, Zerleger und Verarbeiter verwundbar und die Konsumenten entfernen sich weiter.

Die Hamburger Tagung führte – zumindest in der öffentlichen Diskussionsveranstaltung – vor, wie sehr die Lücke innerhalb der eigenen Reihen zwischen Selbstverständnis und Wahrnehmung klafft. Während die Unternehmer von einer guten Herstellungspraxis sowohl durch ein Qualitätsmanagement und viele ausgestellte Zertifikate überzeugt sind, sehen Verbraucherschützer eine permanente Täuschung in vielen Produktwelten.

Noch dazu glauben einige Unternehmen den ausgehandelten Mindestlohn-Tarifvertrag um Wochen hinauszögern zu können, bis das Bundeskabinett die Allgemeinverbindlichkeit verabschiedet hat. Wer so denkt, handelt zum Nachteil eines ganzen Wirtschaftszweigs und verkennt nicht nur die Zeichen der Zeit, sondern bleibt weiter angreifbar und liefert den Stoff für weitere aggressive Schlagzeilen.

Unternehmen und Konsumenten müssen unbedingt zusammen finden – ansonsten kann keine Vertrauensbildung stattfinden. Hier ist zunächst Verstehen gefordert, auch wenn das schwer fällt: Wie tickt der Verbraucher, welche Auswirkungen hat deren Verhalten auf Politiker und Gesetzgebung, wie kann NGOs der Wind aus den Segeln genommen werden. Hier schlagen die Verbände zu leise Töne an.

Den dringend erforderlichen Kommunikationsauftrag kann die Fleischwirtschaft nicht an die Ernährungsindustrie übertragen. Sie muss selbst für sich sprechen und Stellung beziehen. Nur dann wird die Branche es schaffen, Gehör zu finden und mit Offenheit die Atmosphäre für Vertrauensbildung bereiten. So erstickt der beklagte Generalverdacht und die Leistungsfähigkeit wie auch Produktvielfalt und Lebensmittelsicherheit stehen im Vordergrund.
Quelle: FleischWirtschaft 6/2014
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