Strategie: So kann’s nicht weitergehen
Renate Kühlcke
Strategie

So kann’s nicht weitergehen

Dienstag, 18. September 2018

FRANKFURT Heute kennt man von allem den Preis und von nichts den Wert – was schon Oscar Wilde monierte, ist dieser Tage aktueller denn je.

Billig und günstig soll’s in Deutschland sein. Sonderangebote locken jeden Tag viele Verbraucher an die Frischfleisch- und Wursttheken, nicht nur im Discounter. Selbst Fleischer-Fachgeschäfte verzichten selten auf den Lockvogel im Sortiment.


So kann’s nicht weitergehen, meint der Deutsche Bauernverband und fordert angesichts der „neuen“ Ansprüche an die Erzeuger und ihr bisheriges Geschäftsmodell eine drastische Erhöhung der Preise für Schweinefleisch. Das verlangte Mehr an Tierwohl, Tiergesundheit und Umweltschutz gebe es nicht zum Nulltarif, das hört man schon lange. Dass Schweinefleisch aber fast doppelt so teuer werden müsse, damit die Tierschutzvorgaben wie die Kastration von Ferkeln unter Narkose oder deutlich mehr Platz für die Sauen erfüllt werden können, ist eine unerwartet klare Ansage an die Marktbeteiligten. Wer nur noch die Hälfte Tiere halten kann, muss pro Tier das Doppelte erlösen, so einfach ist die Rechnung.

Natürlich blieb die öffentliche Nachhilfe in Marktwirtschaft auf diese Forderung nicht aus, und der Agrarlobby wurde einmal mehr ein sehr eigensinniges Bild von Preisbildung, Subventionen und Zwangsabgaben bescheinigt. Wenn auch in der deutschen Wirtschaftsordnung eine soziale Komponente verankert ist, vor allem folgt sie marktwirtschaftlichen Gesetzen und da legt niemand den Schweinefleischpreis fest – außer das Kräftespiel zwischen Angebot und Nachfrage. Wenn der Verbraucher freiwillig mehr zahlen soll, macht er das nur, wenn der höhere Preis auch einen Mehrwert bietet. Um diesen Mehrwert geht es, er muss erkennbar und erlebbar werden. Der kleinere Schweinebestand lässt sich positiv kommunizieren, weniger Tiere bedeuten bei der Standardvermarktung aber auch eine schlechtere Wirtschaftlichkeit. Das will die Öffentlichkeit so genau dann aber doch nicht wissen.

Fakt ist: Die Gesellschaft stellt die intensive Tierhaltung, wie sie sich in den industrialisierten Ländern in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, immer drängender in Frage. Die Landwirtschaft hat allerdings längst die Deutungshoheit in allen Agrarfragen an NGOs abgegeben und zu viele Probleme sind eng verbunden mit dem gern gepflegten bäuerlichen Mythos. Die Bauern suchen eben doch immer nach Schuldigen – so die öffentliche Wahrnehmung – und finden sie in der Politik, im Lebensmittelhandel oder beim Verbraucher – wie die aktuelle Forderung nach 100 Prozent Preiserhöhung einmal mehr bestätigt.

Als lösungsorientierter Partner in der Kette geht im Augenblick der Lebensmittelhandel voran. Er initiiert spezielle Programme und unterstützt Tierschutzaspekte, die über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen und macht sie auf dem Etikett in der Ladentheke sichtbar. Aufgabe der Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe wird es sein, vermehrt über die vertikale Integration den Aufbau einer nachhaltigeren, von der Gesellschaft wertgeschätzten Fleischproduktion partnerschaftlich voranzutreiben.

Quelle: Fleischwirtschaft 9/2018
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