Tierwohl: Ehrlicher Schulterschluss statt hal...
Tierwohl

Ehrlicher Schulterschluss statt halbherziger Floskeln

FRANKFURT Einkaufen mit Herz – die Dänen können jetzt beweisen, dass sie das Herz am rechten Fleck haben.

Mit dem dreistufigen staatlichen Tierwohl-Label, das im Mai an den Start geht, hebt sich das Fleisch aus tierfreundlicherer Haltung deutlich vom konventionell erzeugten ab. Damit sind unsere Nachbarn im Norden uns um Nasenlängen voraus. Denn dort besteht Einigkeit. Die gesamte Wertschöpfungskette vom Erzeuger über die Schlachtstufe bis zum Handel steht hinter dem System. Wirtschaft und Politik haben hier gemeinsam etwas aus der Taufe gehoben.

Von dieser Art Schulterschluss sind wir in Deutschland allerdings noch immer weit entfernt. Außer einer vollmundigen Ankündigung hat der zuständige Bundesminister in Berlin noch nichts Konkretes zu seinem geplanten staatlichen Siegel verlauten lassen. Und dass doch noch vor der Bundestagswahl im Herbst Bewegung in die Sache kommt, ist zu bezweifeln.

Aber es ist nicht der Landwirtschaftsminister allein, der dieses Thema politisch beackert – wenn auch für den einen zu viel und für den anderen zu wenig. Tierwohl ist für viele der Parteien und ihrer Vertreter zum Herzensthema geworden, das im Superwahljahr sicher die üblichen Wahlkampffloskeln überdauern wird und es bis in manchen Koalitionsvertrag hinein schaffen dürfte. Hinzu kommen die Initiativen der einzelnen Bundesländer.

Nordrhein-Westfalens Umweltminister Remmel etwa bekräftigte gerade sein Drängen auf ein schnelles Ende des Kükenschredderns. Da dürfte es ganz im seinem Sinn sein, dass die Kunden der Einzelhandelskette Real ab sofort die Möglichkeit haben, mit dem Einkauf von Eiern der Marke „haehnlein“ für mehr Tierschutz zu sorgen. In diesem speziellen Produktionsprogramm werden die männlichen Küken nicht wie sonst üblich getötet, sondern als sogenannte Bruderhähne für die Fleischproduktion mit aufgezogen.

Und noch eine Initiative ging jetzt vom Handel aus: In Nordrhein-Westfalen hat die Rewe Group ein Leuchtturmprojekt gestartet, in dem rund 60 schweinehaltende Betriebe bei Ferkeln auf das routinemäßige Kürzen des Schwanzes verzichten. Das sind zwar nur einzelne Projekte und sie starten in der Nische, aber allen gemeinsam ist ein Bekenntnis für mehr Tierwohl im Stall. Dass das heutige System der Nutztierhaltung eine Reform braucht, steht außer Frage. Und da wird es so manchen landwirtschaftlichen Betrieb noch aus dem Markt katapultieren. In diesen Kampf um die zukunftssichere Existenz starten diejenigen mit größeren Chancen, die sich beizeiten auf den Weg zur modernen Tierhaltung machen – modern im Sinn von tiergerecht, was nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit Stalltechnik der jüngsten Generation.

Tierwohl geht letztlich aber alle an, jede einzelne Stufe in der Wertschöpfungskette Fleisch. Denn am Ende muss derjenige, der es dem Kunden zum Kauf anbietet – und das bei höherem Aufwand in der Erzeugung selbstverständlich zu einem höheren Preis – die Geschichte glaubhaft kommunizieren.

Und wer könnte das besser, als der handwerkliche Fleischermeister. Denn der kann im Idealfall persönlich bezeugen, dass das unter artgerechten Bedingungen aufgewachsene und gemästete Tier auch möglichst stressfrei zur Schlachtung kommt. Nur dann ist der Tierwohl-Gedanke ja durchgängig.

Doch auch wer nicht mehr selbst schlachtet oder die Viehlieferanten nicht einzeln kennt, wird öfter die Frage gestellt bekommen, woher sein Fleisch stammt und unter welchen Bedingungen die Tiere zu Lebzeiten gehalten wurden. Die Antwort kann dann lauten: von einem Kollegenbetrieb, aus einem Markenfleischprogramm oder auch von einem der Big Player unter den Schlachtbetrieben.

Wer das Megathema Tierwohl zu seiner Herzensangelegenheit macht, kann sich gerade als handwerklicher Anbieter von Fleisch und Wurst am Markt profilieren: herzlich und ehrlich.

Quelle: afz 13/2017
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