VDF-BVDF-Jahrestagung: Offener Dialog für meh...
VDF-BVDF-Jahrestagung

Offener Dialog für mehr Wert

FRANKFURT Die Fleischwirtschaft glänzt mit Rekorden und muss sich dennoch sorgen. Innerhalb eines Jahres befreite sich die Branche ein gutes Stück aus der Zwinge der Gesellschaft. Fleisch taugt wieder zu einem Lifestyle-Produkt, Hackfleisch und Wurst bleiben Verkaufsschlager.

Trotz des Abgesangs auf Schnitzel, Schinken und Co. durch wenige Alternativesser und NGO-Aktivisten ist der Appetit der Deutschen ungebrochen. Das große mediale Echo auf vegetarische und vegane Ersatzprodukte quittieren die Bundesbürger mit einem immerhin konstanten Konsum von Fleisch und Fleischerzeugnissen.


Mit dem Verhaltenskodex für soziale Standards, insbesondere im Bereich der Unterbringung Beschäftigter aus anderen EU-Mitgliedstaaten, und der Brancheninitiative Tierwohl gibt der Fleischsektor klare Antworten auf gesellschaftlich diskutierte Fragen. Gleichwohl bedarf es noch großer Anstrengungen für vertrauensbildende Maßnahmen.

Die Bürger und Politiker, aber ebenso die Verfechter anderer Ernährungsweisen bleiben kritisch und skeptisch. Zu tief sitzt die Verunsicherung durch eine entfremdete Produktion von Nahrungsmitteln, die durch Fleischatlanten und Studien – auch die der Weltgesundheitsorganisation – erzeugt wird. Und das wirkt sich nachhaltig auf das Image der ganzen Branche aus.

Zum einen finden Schlachter, Zerleger, Verarbeiter, Handwerker und Händler kaum Personal – doch das kümmert die Gesellschaft kaum, während der Teller mit möglichst üppigen Fleischportionen zu günstigen Preisen gefüllt sein soll. Der Verzehr von edlem Fleisch ist zwar chic geworden und wird durch Magazine wie Beef cool und modern ins Szene gesetzt, doch mit dem Produkt an sich wollen zu wenige arbeiten. Das muss sich ändern. Ist die Branche bereit? Ja! Große Unternehmen der Fleischindustrie wollen Mitarbeiter rekrutieren und direkt anstellen, ebenso die fleischerhandwerklichen Betriebe und der Handel.

Die Bereitschaft der Branche zu einer besseren Entlohnung ist gewachsen. Sicher hat hier die Einführung des Mindestlohn-Tarifvertrags Bewegung in die Situation gebracht. Doch nur wenige Werkvertragsbeschäftigte sind bereit in ein direktes Angestelltenverhältnis zu wechseln. Das wird sich so schnell nicht ändern und der Mangel an Nachwuchs und Fachkräften wird sich drastisch verschärfen, obwohl es eine Arbeitsplatzgarantie mit beruflichen Perspektiven in Produktion und Verkauf gibt.

Auf der anderen Seite definiert sich auch die Fleischwirtschaft über Wachstum. Gerade das vergangene Jahr stand im Zeichen neuer Produktionsrekorde. Die politischen Entwicklungen in vielen Regionen sorgen rund um den Globus allerdings für extreme Verwerfungen auch an den Schlachtvieh- und Fleischmärkten. In der Folge sanken die Notierungen für deutsche Schlachtschweine dramatisch. Das nutzt niemandem. Denn gerade in Deutschland stellt die Gesellschaft große Ansprüche an die Eigenschaften des Rohstoffs. Verbesserungen bei Tier- und Menschenwohl sowie Haltungsformen und Mastbedingungen kosten Geld. Es fehlt aber nicht erst jetzt an einer Wertschätzung für die Mittel zum Leben. Die Branche muss an einer exzellenten Wertschöpfung arbeiten.Dazu gehört auch der Export. Der Einfluss des Auslandsgeschäfts auf die Nachhaltigkeit der Rohstoffausbeute ist außerhalb der eigenen Reihen kaum bekannt. Das muss sich ändern und dem Verbraucher kommuniziert werden. Das gilt ebenso für moderne Erzeugungsmethoden in der Landwirtschaft, Automation in der Zerlegung und für lebensmitteltechnologische Prozesse bei der Herstellung von Fleischwaren und Wurst.

Das Wohl der Fleischwirtschaft hängt an der eigenen Innovationskraft. Je stärker sie ausgeprägt ist, desto besser sind die Voraussetzungen die Absatzwege in der Heimat und auf den Exportmärkten zu sichern.

Lesen Sie dazu auch den Leitartikel "Die Welt im Visier" von Jörg Schiffeler.

Quelle: afz 17/2016
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