WHO-Studie: Liebe und Vertrauen sind nicht un...
WHO-Studie

Liebe und Vertrauen sind nicht unendlich belastbar

FRANKFURT Zugegeben, der Schreck saß tief: Wurst und rotes Fleisch als Krebserreger, das hätte der Fleischbranche gerade noch gefehlt. Kurz flackerte das BSE-Angstszenario auf, als sich ein wichtiger Wirtschaftszweig vor dem Abgrund wähnte.

So schnell sich die aufschreckende Botschaft der WHO weltweit verbreitete, so energisch widersetzte sich der Verbraucher dem Rat, auf Würstchen und Steak der Gesundheit zuliebe zu verzichten – und das nicht nur in Deutschland. Tatsächlich ruderte der Absender der schlechten Nachricht kurze Zeit später zurück, und sogar die Publikumsmedien begleiteten diese Kehrtwende ungewöhnlich aufmerksam.


So aufgeregt die ersten Schlagzeilen waren, so beschwichtigend und aufklärend fielen die folgenden aus. Kaum eine Tageszeitung, die nicht den Spezialisten ihrer Region ein Forum für positive Aussagen zu Fleisch und Wurst bot und allerlei Prominenz als Wurst- und Fleischliebhaber outete. Am entschlossensten reagierten allerdings die Verbraucher, ihnen war die ganze Hysterie von Anfang an ziemlich wurscht. An den SB-Regalen und Bedientheken der Händler und der Fachgeschäfte brach der Absatz dann auch um kein Gramm ein.

Meinungsforscher sehen allerdings Spätfolgen: 24 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer seien in Deutschland aufgrund der WHO-Warnung beunruhigt (insgesamt: 20 Prozent). So das Ergebnis einer Umfrage von YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. Keine Sorgen vor einer erhöhten Krebsgefahr durch Fleischkonsum machen sich jedoch 73 Prozent. Jeder siebte Befragte will wegen der Krebs-Warnung künftig weniger Fleisch essen (15 Prozent). 68 Prozent wollen trotzdem genau so viel Fleisch wie bisher verzehren. Dass sie schon jetzt kein Fleisch essen, sagten zehn Prozent der Befragten.

Die Liebe zur Wurst und zum Steak scheint in Deutschland – allen Fleischgegnern und -verächtern zum Trotz – in einem hohen Maß bedingungslos zu sein. Was für eine Rückversicherung für Fleisch- und Wursthersteller! Wie belastbar dieser Treueschwur im Ernstfall wirklich ist, sollte aber besser nicht ausprobiert werden. Die starken Themen Gesundheit und Ethik begleiten unsere Wohlstandsgesellschaft und die Fleischwirtschaft ist gut beraten, auf solche Diskussionen mit dem Verbraucher – und der Politik – vorbereitet zu sein.

Fleisch und Wurst gehört die Liebe der Deutschen, der Branche damit aber lange noch nicht. Ernährungspolitik trägt hierzulande die Trendfarbe Grün und so sind Grundsatzkonflikte vorprogrammiert. Auch wenn die Zwangseinführung eines Veggie-Tags gescheitert ist, das Kundenvertrauen in die Produkte der „Veggie-Lebensmittelchemie-Industrie“, die Ersatzwürste und Sojaburger nimmt zu und wird gestützt von Aufklärungskampagnen nach dem Muster „Kenn-dein-Limit“. Unter diesen nicht leichter werdenden Rahmenbedingungen müssen Fleischunternehmer wirtschaften. Und das hat nur Zukunft, wenn sie auf breiter Themenfront Verantwortung zeigen – als Fundament für Akzeptanz und Vertrauen, Qualität und Genuss.

Quelle: FleischWirtschaft 11/2015
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