Zukunft der Fleischerzeugung: Ehrlich positio...
Zukunft der Fleischerzeugung

Ehrlich positionieren

.

FRANKFURT Gesellschaftliche Veränderungen fordern die Schlachtindustrie.

Es ist absehbar, dass sich die Fleischbranche weiter strukturell verändern wird. Keinem Unternehmer bleibt es erspart, seine strategische Positionierung grundlegend zu überdenken sowie die Stärken und Schwächen des Geschäftsfelds zu analysieren. Der Sektor Schlachten steht als Nadelöhr der Fleischproduktion unter besonderer Beobachtung. Was in anderen Wirtschaftsbereichen als herausragende Leistung gilt, nämlich die durchrationalisierte und standardisierte Wertschöpfungskette, empört in diesem sensibelsten aller Bereiche der Lebensmittelproduktion die Öffentlichkeit. Die Vision von vielfältigen, dezentralen und in einem fairen Wettbewerb stehenden Strukturen gewinnt nicht nur bei den Grünen immer mehr Freunde.


Die Fleischindustrie kennt radikale Umbauten nur zu gut. Dass der Weg vom kommunalen Schlachthof zum industriellen Fleischkonzern führte, dafür sorgten vor allem politische Weichenstellungen auf nationaler und europäischer Ebene. Auch wenn aktuell immer mehr Bundesländer regionale Förderprogramme auflegen, ist eine komplette Schlachthofwende unter aktuellen Rahmenbedingungen dennoch unwahrscheinlich. Die Großbetriebe sind ja nicht ohne Grund entstanden und haben ihre Existenzberechtigung, wie selbst die bäuerliche Seite angesichts des Schweinestaus leidvoll erkennen musste und die Diskutanten auf dem digitalen Frische Forum Fleisch untermauerten. Aus Effizienzgründen lassen die Großen aber auch zwangsläufig Lücken. Dieser Nische trauen Branchenkenner einen Marktanteil von bis zu 15 Prozent zu.
Schon immer waren die Wachstumspläne der deutschen Schlachtunternehmen eng verknüpft mit der Entwicklung der heimischen Schweineproduktion. Damit ist absehbar, dass der Borchert-Plan – so er denn tatsächlich Realität wird – strukturelle Veränderungen im Schlachtsektor bedingen wird, die die Unternehmen betriebsspezifisch unterschiedlich fordern werden. Der politisch angeregte Verhaltenskodex soll als Basis einer fairen Partnerschaft zwischen Handel, Verarbeitern und Landwirten den Prozess begleiten. Das ist zum einen ein ehrenwerter Versuch, Nachhaltigkeitsthemen ebenso wie die Verhinderung von Preisschlachten zu verankern und sich ehrlich zu machen. Zum anderen geht es aber auch um ein neues Bekenntnis zu Wertschätzung und Loyalität in der Wertschöpfungskette, das sich in einer wertschätzenden Preisfindung und Margenbeteiligung widerspiegelt.

Alles gut gemeint, aber realitätsfremd – insbesondere in dieser besonderen Zeit. Im „neuen Normal“ wird die Kaufkraft eher niedriger als heute sein und damit bleibt der Fleischpreis heiß – auf Erzeugerseite ebenso wie an der Kasse des Lebensmittelhandels. Lidls schon wieder zurückgenommener Solidaritätsbonus für die Bauern ist der aktuellste Beweis dafür, wie es um die Zahlungsbereitschaft der Kunden tatsächlich steht.

Quelle: Fleischwirtschaft 2/2021
stats