Fleischerzeugung: Heimische Herkunft wird zum...
Jörg Schiffeler
Fleischerzeugung

Heimische Herkunft wird zum Standard

Dienstag, 07. Dezember 2021

FRANKFURT Aldi und Lidl machen Druck: 2022 soll frisches Schweinefleisch den „5D-Standard“ erfüllen.

Die Krise am Schweinemarkt bedroht nicht nur die hiesige Landwirtschaft, sondern auch die Ernährungssicherung. Keine Bange: So schnell werden wir in unserem Land nicht darben müssen und außerdem wird das Angebot an fleischfreien Alternativen immer größer. Der Lebensmittelhandel nimmt die Sorgen der hiesigen Tierhalter ernst. Zu viele Bauernhöfe sind in die Bredouille geraten, weil einerseits die wichtigste Notierung – die wöchentliche VEZG-Preisempfehlung – nicht mehr aus dem Keller kommt und andererseits die Anforderungen an die landwirtschaftlichen Betriebe steigen. Während also die Einnahmen sinken, fehlen Finanzmittel für Investitionen.

Der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) auf deutschem Boden hat den Handel mit Schweinefleisch völlig durcheinandergewirbelt, während gleichzeitig die Corona-Pandemie rund um den Globus wütet. Wichtige Zielmärkte außerhalb der Europäischen Union, die überdies wirtschaftlich besonders lukrativ sind, bleiben versperrt. So können seit dem Nachweis des Seuchengeschehens zahlreiche Kunden – beispielsweise in Fernost – nicht mehr bedient werden. In diese Bresche sind insbesondere spanische Lieferanten gesprungen. Hierzulande zeigte sich der Schlachtvieh- und Fleischmarkt überversorgt. Es entstanden Überhänge, die nur langsam und mühsam abgebaut werden konnten. 

Die Fleischnachfrage veränderte sich in ganz Europa infolge der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. Sie führten bei allen Fleischarten zu einem sinkenden Verbrauch. Als Stichworte genügen wohl Homeoffice, Kurzarbeit, Lockdown und Kontaktbeschränkungen. Der Appetit auf Fleisch – insbesondere vom Schwein – wird kleiner. Der Pro-Kopf-Verzehr von Schweinefleisch lag 2020 laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) bei 32,8 Kilogramm. Das waren satte sieben Kilo weniger gegenüber dem Jahr 1995.
„Ohne Tierwohl und Nachhaltigkeit wird die Vermarktung immer diffiziler. “
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Parallel steigen die Ansprüche an das wertvolle Lebensmittel: Ohne Tierwohl und Nachhaltigkeit wird die Vermarktung immer diffiziler. So legen es zahlreiche Studien nahe. Der Lebensmittelhandel nimmt diese Beobachtungen sehr ernst. Schließlich sind Fleisch, Fleischwaren und Wurst immer noch die starken Magnete, die die Kundinnen und Kunden in die Märkte locken. Während in der Vergangenheit oft die Preisführerschaft angestrebt wurde, steht nun die Profilierung mit Produkteigenschaften im Vordergrund. Übersetzt bedeutet das: Der Supermarkt muss nicht mehr das günstigste Schweinefilet feilbieten, sondern Fleisch aus der Region aus dem Offenstall im Programm haben.

Um das in der Breite zu realisieren, muss der Handel mit der Landwirtschaft eine völlig neue Beziehung aufbauen. Zu oft sind beide Parteien in einen heftigen Streit geraten, bei dem um den Kilopreis des Schlachtgewichts gerungen wurde. In die Fronten geraten auch heute noch regelmäßig Schlachtbetriebe und Fleischverarbeiter. Seit diesem Sommer soll das nun alles anders werden. Die Tierhaltung wird zum Differenzierungsmerkmal. Aldi preschte vor und verkündete bis 2025 beim Frisch-Fleischsortiment auf die Haltungsform 1 zu verzichten. Jetzt legte die Gruppe nach: Bis Ende nächsten Jahres soll die komplette Wertschöpfungskette bei Schweinefleisch auf deutsche Herkunft umgestellt sein. Auch Lidl und Rewe verfahren so. So sichert der Handel die Fleischerzeugung in Deutschland, die den veränderten gesellschaftspolitischen Anforderungen gerecht werden muss. Parallel steigt die Wertschöpfung, weil das Lebensmittel Fleisch auf ein höheres Qualitätsniveau gehoben wird.

Was folgt als nächstes? Die Wurst- und Schinkenhersteller werden ihre Rohstoffbeschaffung mindestens überdenken müssen. Das gilt auch für das Fleischerhandwerk. Den Metzgern bleibt keine Zeit sich zurückzulehnen, weil sie viele Alleinstellungsmerkmale noch stärker kommunizieren müssen. Tierwohl, Regionalität und Nachhaltigkeit sind der neue Standard.


Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 49/2021
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