Lebendtransporte: Tierschutz als Exportschlag...
Gerd Abeln
Lebendtransporte

Tierschutz als Exportschlager?

Montag, 18. Oktober 2021

FRANKFURT Politiker einzelner Länder wollen weiter gehen als andere.

Neuseeland will ab 2023 den Schiffsexport von lebenden Nutztieren verbieten. Das Land stellt offenbar das Tierwohl vor wirtschaftliche Überlegungen und setzt damit ein politisches Zeichen für den Tierschutz. Der Inselstaat ist eines der Länder, die weltweit die meisten (Milch-)Kühe exportieren. Die Landwirte haben jedoch einen Überschuss an Tieren. Wenn sie diese nicht exportieren können, werden wahrscheinlich junge Tiere getötet. Außerdem könnten Länder mit niedrigeren Standards versuchen, diese Lücke zu füllen.

Wirbeltiere haben Gefühle – das Vereinigte Königreich möchte dies in das Gesetz aufnehmen. Gefühlsempfindungen gelten für „alle Tiere, die ein Rückenmark haben“, wird der Umweltminister zitiert. Der Politiker will den Brexit nutzen, um als unabhängige Nation außerhalb der EU beim Tierschutz weiter zu gehen als andere Länder. Auch die Betäubung von Schweinen mit Kohlendioxid soll beendet werden. Allerdings sollte man nicht vergessen, wie klein die Rolle Großbritanniens im Vergleich zu Spanien, Dänemark oder Belgien ist.

In Deutschland soll die Tötung männlicher Küken durch Aussortieren der Eier vor dem Schlüpfen verhindert werden. Für den Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) ist der Verzicht auf die Kükentötung zwar richtig, aber der Verband sieht darin einen nationalen Alleingang, der keine ausreichende sachliche Grundlage hat, in anderen europäischen Ländern nicht gilt und deshalb immense Wettbewerbsnachteile für die deutsche Geflügelwirtschaft mit sich bringt. 

Die Intensivtierhaltung, wie sie inzwischen weltweit verbreitet ist, wird zunehmend kritisch gesehen. Die Kritik kommt nicht mehr nur von Umwelt- und Tierschutzorganisationen. Auch in der Politik werden häufig Begriffe wie „Tierwohl“, „Tierschutz“ und „Tiergerechtigkeit“ verwendet. Doch was ist Tierschutz überhaupt und wie lässt er sich messen? Entgegen den Erwartungen vieler Politiker und Verbraucher gibt es keine einheitliche Definition von Tierschutz. Diese muss dringend geschaffen werden, wobei auch die berechtigten wirtschaftlichen Interessen anderer Gruppen berücksichtigt werden müssen. Landwirte beispielsweise brauchen klare Vorgaben, wenn Tieren mehr Platz eingeräumt werden soll und Investitionen in größere Ställe zur Zukunftssicherung getätigt werden müssen.

Nicht zuletzt dürfen auch andere grundsätzliche Aspekte nicht außer Acht gelassen werden, wie zum Beispiel die Bedeutung der Nutztiere für die Ernährungssicherung der Menschen und die Aufrechterhaltung des Nährstoffkreislaufs von Kulturpflanzen. Nutztiere können Biomasse verwerten, die für den Menschen nicht direkt essbar ist. Es ist offensichtlich, dass eine Welt ohne Nutztiere nicht nur weniger Nahrungsquellen für die ständig wachsende Weltbevölkerung bedeutet, sondern auch eine deutlich ineffizientere Pflanzenproduktion, die ihren nachhaltigen Kreislauf verliert.

Quelle: Fleischwirtschaft 10/2021
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