Lebensmittelüberwachung: Nicht jeder Mangel l...
Jörg Schiffeler
Lebensmittelüberwachung

Nicht jeder Mangel lässt sich ausschlachten

Dienstag, 24. August 2021

FRANKFURT Eklatante Hygienemängel titelte der Hessische Rundfunk (hr) in der vergangenen Woche und klagte über verheerende Zustände in der Großmetzgerei Wilhelm Brandenburg. Das Aufsehen war entsprechend riesengroß. Schlagzeilen in Verbindung mit Fleisch bringen den Medien schließlich hohe Einschaltquoten und noch bessere Klickzahlen auf den Webseiten und Social-Media-Kanälen. Was war eigentlich los?

Seit den Listerien-Nachweisen im Herbst 2019 beim untergegangenen Unternehmen Wilke steht die Lebensmittelüberwachung in Hessen unter einem enormen Druck. Das Landratsamt Waldeck-Frankenberg wurde seinerzeit beschuldigt seine Kontrollaufgaben nicht energisch und umfassend wahrgenommen zu haben. Auch die Task Force Lebensmittelsicherheit am Regierungspräsidium Darmstadt sowie das Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gerieten in die Kritik.

Bilder von ekligem Schimmel aus der Wurstfabrik in Twistetal flimmerten über Wochen auf den Bildschirmen der Nation, Verbraucherschützer erhoben schwere Vorwürfe. Die Politik versprach Aufklärung. Vor allem waren die Bundesländer sowie Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner schnell dabei, schärfere Regeln zu fordern. Der Fall erweckte so viel Aufsehen, weil das Robert Koch-Institut insgesamt 37 Listeriosefälle direkt auf den nordhessischen Wursthersteller zurückführen konnte. Davon starben drei Patienten direkt oder indirekt an der Listeriose. Kein Zweifel: Bei Wilke haben viele versagt.

Hessens Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Bündnis 90/Die Grünen) versprach nach Aufarbeitung des „Fall Wilke“ eine personelle Stärkung der Fachaufsicht sowie verstärkte Berichtspflichten an die Fachaufsicht. Seit Oktober 2020 kümmern sich zudem zwei weitere Mitarbeiter im Ministerium um das Qualitätsmanagement der Ämter und die Veterinärverwaltung. „Es geht darum, einheitliche Standards sicherzustellen“, sagte Hinz im Herbst 2020. Darüber hinaus sollten die Task-Force Lebensmittelsicherheit sowie die Regierungspräsidien mit acht Stellen zusätzlich ausgestattet werden, um die Kontrollen zu verbessern.
„Mehr Transparenz im Fleischsektor – sowohl in Behörden als auch in Unternehmen – schützt vor Argwohn und falschen Schlussfolgerungen.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Nach Darstellung des Hessischen Rundfunks setzt das hessische Verbraucherschutzministerium gegenüber den Behörden die Verbraucherschutz- und Transparenzvorgaben nicht durch. In einer am 27. Mai 2021 ausgestrahlten Fernsehreportage des hr heißt es „Behörden bearbeiten Anträge manchmal gar nicht und meistens sehr zurückhaltend“. Gemeint ist die Einsicht in Berichte über amtliche Kontrollen bei Lebensmittelunternehmen nach dem Verbraucher-Informationsgesetz (VIG). Für den Beitrag besuchte ein hr-Team mehrere Fleischbetriebe in Hessen, darunter auch Wilhelm Brandenburg. Die Meldung wurde in der vergangenen Woche aufgewärmt. Im Mai fehlte es an Resonanz, da kommt das Nachrichtenloch im Sommer 2021 wie gerufen.

Die hr-Reporter hatten sehr verspätet Zugang zu den angeforderten Unterlagen nach dem VIG erhalten und die darin notierten Auffälligkeiten selbst interpretiert – mit den bekannten Folgen des jetzigen Medienechos rund um Wilhelm Brandenburg. Das traditionsreiche Unternehmen weist die Vorwürfe zurück und auch die Überwachungsbehörden springen bei. Das mag ein „Geschmäckle“ haben, doch bei „eklatanten Hygienemängeln“ mit Gefahr für Verbraucherinnen und Verbraucher wäre das Veterinäramt nach dem Wilke-Drama eingeschritten.

Das Beispiel zeigt einmal mehr, wie wichtig ein mehr an Transparenz im Fleischsektor ist. Behörden und Unternehmen, die zögern oder mauern, anstatt Antworten zu liefern, wecken nicht nur in Medienkreisen Zweifel. Die Lebensmittelüberwachung könnte mehr Einblicke in ihre Arbeit und Aufgaben geben, ebenso wie die Lebensmittelhersteller. Dann ließe sich einfangen, wie die Produktion läuft und ob ein Mangel auch ein Hygienerisiko sowie eine Gesundheitsgefahr darstellt.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 34/2021
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