Mindestlohn: Das große Tauziehen um den richt...
Mindestlohn

Das große Tauziehen um den richtigen Tarif

FRANKFURT Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und die Fleischwirtschaft feilschen um einen Tarifvertrag. Da gehört das Pokern zum Tagesgeschäft.

Die Säbel rasseln derweil seit August vergangenen Jahres. Nach den massiven Ausbrüchen des Coronavirus in der Fleischindustrie im Frühjahr und Sommer 2020 fiel der Blick schnell auf die Arbeits- und Wohnbedingungen an den Schlachthöfen des Landes. Der Druck auf die Unternehmen und auch auf die Regierenden stieg so stark, dass ein Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit für den Sektor folgte. 


Das Schmieden von Tarifvereinbarungen ist ein zähes Geschäft. Auch wenn beide Verhandlungsparteien faire Löhne und Gehälter für ihre Beschäftigten vereinbaren wollen, so gleicht es einer Herkulesaufgabe, beiden Interessengruppen gerecht zu werden. So sind auch Zusammenkünfte in mehreren Gesprächsrunden die Regel; alles andere wäre höchst verwunderlich. Der Abbruch der Tarifverhandlungen ist jedoch ein Armutszeugnis. Zum Glück beschert Ostern etwas Zeit zum Nachdenken.

Die Ausgangssituation ist eine schwierige Gemengelage. Erstens: Die breite Öffentlichkeit sieht in den Fleischerberufen einen Knochenjob, der teils durch karge Löhne und teils durch prekäre Arbeitsbedingungen negatives Aufsehen erregt. Dieses Bild kann kaum einer entkräften – weder Arbeitgeber noch Gewerkschafter. Selbst wenn die Realität vielerorts total anders aussieht. So haben beispielsweise im Fleischerhandwerk einige Landesverbände Flächentarifverträge abgeschlossen, und in einigen Industriebetrieben gelten Haustarife. Der Verdienst entscheidet jedoch nicht allein über das Ansehen eines Berufs.

Clemens Tönnies hat sich in der Branche eine blutige Nase geholt. Im Gespräch mit der afz zeigte er sich Ende Juli 2020 davon überzeugt, dass „wir nicht an einem allgemeinverbindlichen Tarifvertrag vorbeikommen“. Auf dem Forum der Fleischwirtschaft äußerten sich Hans-Ewald Reinert und Dr. Wolfgang Kühnl von „The Family Butchers“ ähnlich. Sie warnten davor, vom gesetzlichen Mindestlohn eingeholt zu werden. Das ist die zweite Herausforderung. 

Ein Problem des Mindestlohns besteht darin, dass er die Vergütung für die Beschäftigten nicht per se gerechter macht. Seine Festsetzung manifestiert das Gehaltsniveau in den niedrigsten Lohngruppen, und das steigt permanent. Das weckt zurecht Begehrlichkeiten bei qualifizierten Mitarbeitenden. Das ist die dritte schwierige Aufgabe.

Überdies sind die Unternehmen genauso wie ihre Belegschaften in völlig verschiedenen Regionen von unterschiedlicher Wirtschaftsstärke beheimatet. Das Verhandlungsergebnis muss deshalb in mehreren Dimensionen passen. Und das ist eine weitere Baustelle: das allgemeine Preisniveau von Waren und Dienstleistungen, das Lohngefüge in der Region sowie die Kosten für die Miete. Die Bewertung, was beiden Interessengruppen gerecht erscheint, wird immer komplexer. Kein Wunder: In sehr ländlich geprägten Räumen ergeben sich andere Bemessungsgrundlagen als in den Metropolregionen. Tarife benötigen also auch flexible Bausteine.
„Ein Tarifstreit ist in der gegenwärtigen Corona-Situation gefährlich. Wer zu stark an der Schraube dreht, gefährdet Unternehmen und Beschäftigte. “
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Fest steht, dass die Branche dringend eine Lösung benötigt. Bereits seit dem Jahr 2003 wird um „faire und gerechte“ Löhne gerungen. Das ist auch gut so. Arbeitgeber und Gewerkschaft liegen aktuell in ihren Vorstellungen weit auseinander und haben auch unterschiedliche Verhandlungspakete geschnürt. Womöglich haben beide da zu viel hineingepackt. Vielleicht gehört das eine oder andere besser in einen echten Flächentarifvertrag, der in einer Mantelvereinbarung vieles regelt und mit einem Lohn- und Gehaltstarifvertrag Selbstverantwortung übernimmt. Das wäre dann auch echte Tarifautonomie – ohne Mindestlohnkommission und Erklärungen zur Allgemeinverbindlichkeit. Das hätte Vorteile: beispielsweise eine klare Orientierung, die dem Betriebsfrieden dient, und weniger Wettbewerbsverzerrungen.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 13/2021
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