Öko-Sortiment: Warten auf den Durchbruch
Renate Kühlcke
Öko-Sortiment

Warten auf den Durchbruch

Freitag, 16. März 2018

FRANKFURT Bio allein schafft die Zukunftssicherung der Landwirtschaft nicht.

Die kleine Bio-Branche vor einem großen Durchbruch – so titelte eine renomierte Wirtschaftszeitung und begleitete damit die weltweit größte Öko-Lebensmittelmesse „Biofach“ auf ihrem diesjährigen Höhenflug. 28 Jahre nach der Messepremiere hat sich einiges im Bio-Sektor bewegt – vor allem aber haben sich die Verkaufserlöse immer weiter in Richtung Lebensmittelhandel verschoben. Das zweite Jahr in Folge wächst der LEH nun schon in diesem Segment stärker als der Fachhandel – mit bekannten Folgen: Seitdem vor allem die Discounter das Öko-Sortiment für sich entdeckt haben, stecken die Bio-Landwirte in der gleiche Preisklemme wie ihre konventionellen Kollegen.


Rücken wir die Wachstumsdimension zurecht: In Deutschland liegt der gesamte Handelsumsatz mit Lebensmitteln bei 200 Mrd. Euro im Jahr, und die Bio-Branche freute sich gerade über den Umsatzsprung über die Zehn-Milliarden-Euro-Marke. Das ist beachtlich, aber der Weg aus der Nische heraus ist noch weit. Das gilt insbesondere für den Fleischbereich, dessen Bio-Anteil an der tierischen Produktion seit Jahren im unteren einstelligen Bereich festsitzt, Schaf- und Ziegenfleisch ausgenommen.

Zwar gibt es aktuell mehr Öko-Schweine in deutschen Ställen, mehr Wurstproduzenten, die auf Bio setzen, und Verbraucher, die dieses Angebot goutieren – eine ökologische Hausse an der Fleischtheke wagt dennoch kein Analyst vorauszusagen. Daran ändern auch die zahlreichen Umfragen nichts, die immer mehr Verbrauchern eine steigende Zahlungsbereitschaft für Tiere attestieren, wenn diese nicht unter den konventionellen Bedingungen leben mussten.

Auch Talkshows und Life-Style-Ratgeber, die den Verbraucherwillen nach Bio – idealerweise gepaart mit Tierwohl und Nachhaltigkeit – gebetsmühlenartig heraufbeschwören, werden keine Bio-Revolution auslösen. Und das ist gut so. Denn wenn jetzt schon Bürgerinitiativen gegen Bio-Stallneubauten protestieren, ist das genauso Realität, wie der wirtschaftliche Zwang der Bio-Bauern zu größeren Produktionseinheiten und deren zunehmendes Interesse am Export. Für Öko-Idealisten der Supergau.
Wer bei der Zukunftssicherung der Landwirtschaft allein auf die Öko-Wende setzt, wird nicht weit kommen. Bio hat es zwar aus der Sandalenträger-Ecke in den Alltag fast aller Menschen geschafft, und die meisten Verbraucher wünschen sich ökologisch erzeugte Lebensmittel aus der Region. Dennoch wird Bio aus vielfältigen Gründen keine führende Rolle zugetraut und maximal ein Marktanteil von 10 Prozent vorhergesagt. Das liegt weit unter der schon in den 1990er Jahren angestrebten 20-Prozent-Marke.

Heimat und Regionalität – das sind die Stichworte, die Verbraucher, Händler und Hersteller heute umtreiben. Da ist es gut, wenn ideologische Grabenkämpfe zwischen modernem und alternativem Landwirt der Vergangenheit angehören. Beide Systeme haben ihre Berechtigung, um die Lebensmittelmittelnachfrage bedienen zu können.

Die Diskussion über vernünftige Betriebsgrößen und deren Wirtschaftlichkeit verlangt einen breiten gesellschaftlichen Konsens und wird ohne politische Begleitung nicht gelingen. Der Wille zur Veränderung ist vorhanden. Man darf gespannt sein, wie viel Engagement die neue Regierung darauf verwendet.

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