Schweinemarkt: So wird das nichts
Renate Kühlcke
Schweinemarkt

So wird das nichts

Donnerstag, 16. September 2021

FRANKFURT Die Nutztierhaltung läuft den Problemen hinterher.

Hohe Tierwohl-Versprechen, abstürzende Erzeugerpreise, hehre Verbraucherwünsche und eine verbannte VW-Currywurst, die aktuelle thematische Gemengelage der Branche spricht für sich. Damit aber nicht genug: Der Erzeugerpreis für Schweinefleisch erreicht seinen historischen Tiefpunkt und das Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Experten sehen Ende September einen Schweinepreis von 1,15 Euro je Kilogramm. Der ist utopisch weit entfernt von 1,80 Euro, der von der Erzeugerstufe als kostendeckend aufgerufen wird. Trifft diese desaströse Prognose zu, werden sich unzählige Schweinehalter unkontrolliert vom Markt verabschieden (müssen).

Als Auslöser für den rasanten Preisverfall sind schnell die Corona-Pandemie und die Afrikanische Schweinepest (ASP) identifiziert. Weil viele Veranstaltungen ausfallen, kaufen zudem Gastronomen weniger Fleisch ein, und auf der anderen Seite wird ASP-bedingt viel weniger exportiert. Mit der Folge, dass die Kühllager voll sind und die Marktgesetze bedingen, dass die Schlachtbetriebe wegfallende Erlöse auf der grünen Seite auszugleichen versuchen. Und dann ist da ja noch der Handel, der der Doppelmoral verdächtigt wird. Auch wenn er den Bauern Aufschläge zahlt und sich, wie politisch gewünscht, mit Rabattaktionen zurückhält. Neu ist diese Eskalationsdynamik, abgesehen von den Ursachen, am Fleischmarkt allerdings nicht.

Das Hoffen auf China und Grillwetter bis in den Winter hinein ist nicht die Lösung, soweit reicht inzwischen das Problembewusstsein in der Kette. Mit der breiten Akzeptanz des Borchert-Plans schien tatsächlich ein Weg gefunden, den gesellschaftlich geforderten Umbau der Nutztierhaltung mit deutlich reduzierter Bestandsdichte in Deutschland kontrolliert anzugehen. Die Zweifel an der Realisierbarkeit dieser Vision indes wachsen, und durch den aktuellen Bundestagswahlkampf geht gerade viel zu viel wertvolle Zeit verloren.

Angesichts des auch unabhängig von politischen Rahmenbedingungen stetig wachsenden Veränderungsdrucks ist es befremdlich, dass die überwiegende Mehrheit der Marktbeteiligten ihre Zukunft wenig partnerschaftlich angeht und keine deutlich engere Zusammenarbeit zwischen Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung praktiziert. Die Gestaltung einer akzeptierten Nutztierhaltung kann doch nur als Gemeinschaftsaufgabe gelingen und muss mit viel mehr Nachdruck geschlossen vorangetrieben werden. Schließlich gilt es, Politik und Gesellschaft vom festen Veränderungswillen der Branche wirklich zu überzeugen. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die unverzichtbaren finanziellen Mittel in Höhe von drei bis vier Milliarden Euro über viele Jahre verlässlich und ohne ständige öffentliche Debatten fließen. Soviel zahlte übrigens der Steuerzahler bislang für die kostenfreien Corona-Schnelltests in diesem Jahr.

Quelle: Fleischwirtschaft 9/2021
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