Schweinepreise: Weniger Schlagabtausch und me...
Jörg Schiffeler
Schweinepreise

Weniger Schlagabtausch und mehr Ehrlichkeit

Dienstag, 07. September 2021

FRANKFURT Um den Schweinemarkt ist es hierzulande nicht gut bestellt. Landwirte, Schlachter und Zerleger sowie Verarbeiter und Händler lassen sich nicht wirklich in die Karten blicken.

Überdies mischt die Politik noch in dem Umbau der Nutztierhaltung mit und die grassierende Afrikanische Schweinepest (ASP) hat die Märkte für deutsche Exporteure außerhalb der Europäischen Union zusammenbrechen lassen.

Deutschlands wichtigste Notierung für Schlachtschweine kennt seit Ausbruch der ASP im Sommer 2020 nur eine Richtung: Der Kurs rauscht in den Keller – abgesehen von minimalen Aufschlägen. Die Preisempfehlung der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) gilt bundesweit als das Barometer für die Lage an den Schlachtvieh- und Fleischmärkten. Entsprechend schielen auch die Tierhalter und Schlachtunternehmen anderer wichtiger Erzeugerländer auf den Kurs, der wöchentlich mittwochs verkündet wird. In der vergangenen Woche musste die VEZG kräftig nachjustieren und einen abermaligen Abschlag in Höhe von fünf Cent auf nun 1,25 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht (SG) schlucken. So wenig Geld für ihre Tiere haben die Mäster Anfang September seit mehr als 20 Jahren nicht mehr erhalten, wie die Nachrichtenagentur „Agra-Europe“ analysierte. Kurz darauf meldete sich die Bauernlobby einmal mehr entrüstet zu Wort, weil für diesen Betrag kein Betrieb mehr kostendeckend arbeiten könne.

Aldi, Edeka, Lidl, Kaufland, Rewe und wie sie alle heißen wollen dem Preisverfall begegnen und die Landwirte besänftigen. Die Botschaft: Der Handel lässt die Bauern nicht im Stich. Vor wenigen Wochen noch verkündeten die großen Handelsketten den Umbau der Ställe für mehr Tierwohl voranzubringen.
Die Haltungsstufen 1 und 2 stehen mittelfristig vor dem Aus, 3 und 4 sind die neuen Maßstäbe für Genuss mit gutem Gewissen. Was aber zahlen die Händler den Erzeugern sowie den Schlachtunternehmen und Fleischverarbeitern? Eine Gruppe kolportiert Aufschläge auf die VEZG-Notierung, eine andere verspricht Mindestpreise. Je nach Programm – regionale Herkunft oder Strohschwein – sprechen Insider von Preisen zwischen 1,60 und zwei Euro. Dagegen wirken die 1,40 Euro von Kaufland wenig. Die Gleichung ‚Notierung plus Bonus X‘ bleibt also immer noch ein Roulettespiel. Klar ist, dass die Großen des Handels immer höhere Fleischqualitäten von ihren Lieferanten beziehen, die nicht zum VEZG-Kurs abgerechnet werden.
Und offen bleibt die Frage, wie Verarbeitungsware abgerechnet wird. Wie das afz-Schwesterblatt „Lebensmittel Zeitung“ berichtete, fordert der Handel die Wursthersteller dazu auf, ihre Preise an die günstigere Rohware anzupassen. Die Aldi-Gruppe vermeldete in der vergangenen Woche immerhin, Neuausschreibungen für bestehende Schweinefleischartikel auszusetzen. Was das für die Hersteller von Fleischkäse, Leberwurst und Kochschinken bedeutet, bleibt ein Geheimnis.
„Der Schweinemarkt ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten, bei denen sich die Beteiligten nicht in die Karten schauen lassen.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Die Schlachtunternehmen wiederum beklagen sich über einen schleppenden Fleischabsatz, der trotz Ferienende nicht in Schwung kommt. Die Analysten der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) sehen aktuell keine Belebung im Handel mit Schweinefleisch. Dafür gibt es auch kaum Anreize. Aus Furcht vor weiteren Bauernprotesten und Reaktionen der Politik auf Sonderangebote für Fleisch, Fleischwaren und Wurst halten sich die Lebensmitteleinzelhändler zurück. Im Fokus stehen entweder weiterverarbeitete Artikel wie marinierte Schweinesteaks oder naturbelassene Edelteile vom Rind und Schwein, bei denen sich der Preisvorteil in Grenzen hält. Umgekehrt entsprechen bei Tönnies bereits 60 Prozent der Schlachtmenge der Tierwohlstufe 2. Das in den höheren Haltungsstufen erzeugte Fleisch wird mit Sicherheit nicht zum Preis von 1,25 Euro abgerechnet. 

Bleibt die Frage, wie viele Schweine überhaupt noch zum VEZG-Preis gehandelt werden.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 36/2021
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