Schweinepreise: Wer die Mittel zum Leben erze...
Jörg Schiffeler
Schweinepreise

Wer die Mittel zum Leben erzeugt, braucht Luft zum Atmen

Dienstag, 10. August 2021

FRANKFURT Große Aufregung im Land: Volkswagen verbannt die Currywurst in einer Kantine. Währenddessen erreichen die Nöte der Landwirte nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.

Volkswagen verbannt die Currywurst aus seiner Werkskantine. Was für eine Botschaft! Diese Meldung löste Großalarm im Land der Dichter und Denker aus. Erst beherrschte die Hochwasserkatastrophe und der Klimawandel die Schlagzeilen sowie die nicht enden wollende gesellschaftspolitische Diskussion ums Tierwohl und den Fleischkonsum – alles Schnee von gestern in der Heimat der Wurstmacher. Die VW-Currywurst aus eigener Produktion von Deutschlands größtem Automobilbauer ist ein Volkswagen-Originalteil ebenso wie die Fahrzeuge aus Wolfsburg. Übrigens seit dem Jahr 1973. Lassen wir die Kirche im Dorf. Bei aller Aufregung ist es doch nur eines von zig Mitarbeitercasinos, das betroffen ist.
Die Nachricht, dass der größte Schlachter hierzulande – die Tönnies-Gruppe – eine zweistellige Millionensumme investiert, um bis zum Jahr 2025 Erlöse mit fleischfreien Alternativen von angepeilt 120 Mio. Euro zu erzielen, fiel nur wenigen auf. Vielleicht lag das am neu verkündeten Frieden in Rheda-Wiedenbrück zwischen Robert Tönnies einerseits sowie Clemens Tönnies und Max Tönnies andererseits.

Diese Entwicklung zehrt an den Nerven vieler, denen Fleisch, Fleischwaren und Wurst eine Berufung sind – sowohl im Fleischerhandwerk als auch in der Fleischwirtschaft. In den Sozialen Netzwerken bahnen sich Proteste den Weg an die Öffentlichkeit sowie Drohungen, künftig auf (Kühl-)Fahrzeuge von VW verzichten zu wollen. Das muss der Autobauer ernst nehmen, denn mit seiner Nutzfahrzeugsparte ist er Partner des Fleischerhandwerks, der Interessenorganisation rund um die f-Marke des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV). Auch wenn der Vergleich hinken mag: Die Weiterentwicklung von Fleischersatzprodukten durch familiengeführte Wursthersteller oder Fleischkonzerne führte nicht zu messbaren Auslistungen von Fleischliebhabern. Die Marktforschung sieht einen klaren Trend: Das Ernährungsverhalten wird von einem klimafreundlichen Konsum beeinflusst und die Anzahl der Flexitarier steigt.

Bei aller Aufregung um die Lieblingswurst der Deutschen erreichen die Nöte der Landwirte nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Die bundesweit anerkannte Preisempfehlung der VEZG kommt nicht aus dem Tal. Zu Redaktionsschluss kosteten Schlachtschweine der Handelsklasse E 1,37 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht (SG). Mit dieser Notierung kommen die Bauern bei steigenden Ansprüchen an das Tierwohl nie und nimmer zurecht. Die Afrikanische Schweinepest (ASP) im Osten der Bundesrepublik und der geringe Importbedarf der Chinesen lassen die Schweinepreise dahin dümpeln, als ob steigende Kosten für Energie und Futtermittel sowie von Politik und Verbrauchern gewünschte Verbesserungen in der Tierhaltung ohne Mehraufwand zu stemmen seien.
„Wir brauchen dringend eine ehrliche Diskussion und neue Kalkulationsmodelle, bevor die Produktion baden geht.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Der Kurs für Schweine muss von den Entwicklungen an den hiesigen und internationalen Schlachtvieh- und Fleischmärkten entkoppelt werden. Die Notierung plus Bonus X gleicht einem Roulettespiel. Die landwirtschaftlichen Betriebe benötigen Sicherheit, damit ihnen der gewünschte Umbau der Nutztierhaltung gelingt. Schon viel zu viele Höfe haben aufgegeben, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) im Juli meldete. So sank die Zahl der Schweinehalter innerhalb einer Dekade um 47 Prozent auf zuletzt 31.900. Im gleichen Zeitraum schafften 25 Prozent der Landwirte ihre Rinder ab. Unter wirtschaftlich schwierigen Bedingungen ist es auch kein Wunder, dass rund 83 Prozent der Rinder im Laufstall und 79 Prozent der Schweine auf Vollspaltenboden gehalten werden, wie Destatis Anfang August berichtete.
Dabei wollen alle großen Lebensmitteleinzelhändler (LEH) ihr Angebot an Frischfleisch auf die Haltungsformen der Stufen 3 und 4 peu à peu umstellen. Gegenwärtig ordert der LEH zu wenig Tierwohlfleisch, und dem kleinen Angebot stehen hohe Abschriften gegenüber. Wir brauchen also dringend eine ehrliche Diskussion und neue Kalkulationsmodelle, bevor die Produktion baden geht.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 32/2021
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