Standortanalyse: Ein Weg zur regionalen Vielf...
Monika Mathes
Standortanalyse

Ein Weg zur regionalen Vielfalt

Dienstag, 03. August 2021

FRANKFURT Die Vertriebswege im Fleischerhandwerk sind vielfältig. Den für alle Betriebe gleichermaßen perfekten Absatzkanal gibt es nicht.

Dafür sind die Voraussetzungen viel zu unterschiedlich. Denn wie ein Betriebsinhaber seine Produkte letztendlich zum Kunden bringt, wie er sich profiliert und den wirtschaftlich größtmöglichen Erfolg verbucht, hängt von vielen Faktoren ab – etwa von Unternehmensstandort, Kundenstruktur, Arbeitsmarktlage, aber auch von seiner Persönlichkeit.

Das Nonplusultra für den Traditionalisten im Fleischerhandwerk ist das stationäre Geschäft – entweder als einzelne Verkaufsstelle oder mit einem mehr oder weniger dichten Filialnetz. Er ist angewiesen auf einen Standort mit hoher Kundenfrequenz und/oder einen großen Stamm an treuen Kunden, braucht kompetente und verkaufsaktive Mitarbeiter.

Sein mobil ausgerichteter Kollege in der ländlichen Region kapriziert sich möglicherweise ausschließlich auf die Marktbeschickung oder tourt bis in abgelegene Dörfer, um die Nahversorgung der Kunden mit Fleisch und Fleischwaren direkt an deren Wohnort zu gewährleisten. Für ihn als echten Dienstleister besonders wichtig: ein attraktiver, aber oft rarer Standplatz auf dem Wochenmarkt sowie ein flexibles, empathisches und kommunikatives Verkaufsteam.

Fleischerhandwerkliche Betriebe in Urlaubsgebieten oder diejenigen mit beliebten regionalen, aber nicht überall erhältlichen Spezialitäten im Sortiment, vertreiben ihre Produkte mitunter via Webshop und lassen Touris und Fans ihres Angebots von Lebensmittellogistikern beliefern. Bis ein digitaler Vertriebskanal steht, sind genügend Vorkenntnisse und zeitintensive Vorarbeit oder gleich ein professioneller Support nötig. Gerade während der beiden Lockdowns sicherte der oft aus der Not heraus aufgebaute Lieferservice vielen Fleischern wichtige Umsatzanteile.

Eine echte Renaissance erleben derzeit Markthallen. Fast jede größere Stadt verfügt über einen solchen, oft innerhalb architektonischer Kleinodien untergebrachten Marktplatz mit einer Vielzahl unterschiedlicher Anbieter und echtem Eventcharakter. Was im Großen funktioniert – wie in der Frankfurter Kleinmarkthalle, dem Augsburger Stadtmarkt oder gar im legendären „Bauch von Paris“, dem Forum des Halles – praktiziert Werner Häfele mit Erfolg und Leidenschaft im Kleinen. Er vertreibt seine Produkte zwar weiter über sein gut eingeführtes Stammgeschäft und circa 20 Filialen.

Er hat aber bereits vor zehn Jahren erkannt, dass das Schlagwort Regionalität sich im eigenen Vertriebskonzept widerspiegeln muss. Der Markt unterm Dach und sein Angebot ist dafür wie geschaffen, den Wunsch der Verbraucher nach regionalen Bezugsquellen für Lebensmittel zu realisieren. Deshalb setzt der Winnender Fleischermeister ganz bewusst auf einen Verbund mit lokalen Bäckern, Obst- und Gemüsehändlern, so dass sich die Kunden vor Ort mit allen Frischeprodukten eindecken können.
Seine derzeit drei Markthallen-Standorte in Baden-Württemberg suchte Häfele nicht nach dem Zufallsprinzip aus: Er schaute sie sich vorher ganz genau an und prüfte ihre Erfolgsaussichten. Alle Hallen befinden sich in offenkundigen Boomregionen, stechen Einkaufswilligen sofort ins Auge, sind verkehrsgünstig gelegen, bieten genügend Parkmöglichkeiten und befinden sich ausnahmslos in unmittelbarer Nachbarschaft vermeintlicher Konkurrenten – entweder Lebensmitteleinzelhändler oder Drogeriemarktketten. Denn beide ziehen keine Kunden ab, sie bringen den Markthändlern stattdessen sogar Frequenz.

Weil Marktrecht früher Stadtrecht war, erhält Werner Häfele fast täglich Anrufe von Stadtoberhäuptern, die ihn zum Aufbau weiterer Markthallen animieren wollen. Ein Grund für ihn, das Konzept seinen Kollegen in ihren jeweiligen Regionen nachdrücklich ans Herz zu legen. Diese Empfehlung entbindet natürlich keinen Unternehmer von einer persönlichen Prüfung dieses Vertriebswegs.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 31/2021
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