Schweinehaltung: Zartes Pflänzchen Tierwohl
Steffen Bach
Schweinehaltung

Zartes Pflänzchen Tierwohl

Montag, 15. November 2021

Nur wenige Schweinehalter werden vom Tierwohltrend profitieren. Den anderen sollte der Staat ein faires Angebot machen.

Beim Thema Tierwohl kommt in die deutsche Schweinehaltung langsam Bewegung. Schweinefleisch der Haltungsstufen 3 und 4 – also Bio und Außenklima – wird von den Konsumenten so stark nachgefragt, dass der Bedarf derzeit nicht zu decken ist. Für viele Programme werden deshalb weitere Landwirte gesucht, die bereit sind, in ihren Betrieben in mehr Tierwohl zu investieren. Auch bei der Mitgliederversammlung der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands in Münster wurde das Thema diskutiert.

Markus vom Stein von der Rewe Group berichtete auf der Mitgliederversammlung der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) in Münster von 48 regionalen Markenfleischprogrammen, aus denen die Märkte beliefert werden. Er kündigte an, dass an den Bedientheken ab dem Frühjahr 2022 auch Biofleisch verkauft werden soll. Gleichzeitig räumte er ein, dass die Bio-Nachfrage auf dem deutschen Markt derzeit nicht gedeckt werden könne. Ähnliche Erfahrungen macht die Edeka Südbayern, der die Verbraucher das Tierwohlfleisch aus den Händen reißen. Innerhalb eines Jahres soll die Produktion von Strohschweinen um 50 Prozent erhöht werden.

Absatzmengen noch auf niedrigem Niveau

Um es klar zu sagen: Noch bewegen sich die Absatzmengen in diesem Segment auf einem sehr niedrigen Niveau. In Südbayern produzieren derzeit gerade einmal 18 Betriebe für das Strohschwein-Programm. In Münster wurde deshalb zurecht mehrfach das Bild vom „zarten Pflänzchen“ bemüht, das gehegt und gepflegt werden müsse. Für die hiesige Schweineerzeugung als Ganzes, ist der hochpreisige Tierwohl-Markt deshalb wohl keine Alternative. Ganz anders sieht es für den einzelnen Betrieb aus. Wer jetzt schnell und mutig auf den Tierwohlzug aufspringt, hat gute Chancen, dauerhaft Geld zu verdienen. Denn dem Handel ist durchaus bewusst, dass die höheren Leistungen mit einem attraktiven Bonus vergütet werden müssen. Gleichzeitig treibt alle Beteiligten die Angst um, dass die Produktion zu schnell wachsen könnte und das teure Tierwohlfleisch auf dem Massenmarkt verramscht werden muss.

Ein Blick den Markt für Bio-Milch zeigt, dass sich das notwendige Gleichgewicht herstellen lässt. Dort steuern Erzeugerorganisationen und Molkereien gemeinsam die Mengen. In den vergangenen Jahren hatte das allerdings auch zur Folge, dass manch umstellungswilliger Milcherzeuger Geduld aufbringen musste, bis er eine Molkerei fand. Dieses Szenario ist auch in der Schweinehaltung denkbar. Selbst wenn die großen Einzelhandelsketten dem Beispiel von Aldi folgen und bis 2030 Frischfleisch nur noch aus den Haltungsformen drei und vier anbieten, werden dafür deutlich weniger Schweine benötigt als heute konventionell produziert werden.


Nicht jeder Betrieb wird deshalb umbauen können – viele werden es auch nicht dürfen. Mit Recht fordern ISN und Deutscher Bauernverband Vereinfachungen im Baurecht. Allerdings kann man von der Politik kaum erwarten, dass sie einen Freifahrtschein für jeden Umbau erteilt. In Westfalen und im westlichen Niedersachsen, wird nur ein begrenzter Teil der Schweinehalter umbauen können. Die Betriebe in den Veredelungsregionen behinderten sich gegenseitig, stellte in Münster auch der ISN-Geschäftsführer Torsten Staack fest.

Ausstiegsprämie löst Blockade

Eine Ausstiegsprämie ist das geeignete Mittel, diese Blockade zu lösen. Mit ihr könnte dem einen Schweinehalter die Betriebsaufgabe erleichtert werden, damit sein Nachbar einen Tierwohlstall bauen kann. Viele Schweinehalter werden in diesem Prozess auf der Strecke bleiben. Staatliche Programme müssen sie bei der Umstrukturierung und Neuausrichtung unterstützen oder aber zumindest die wirtschaftlichen Folgen des Ausstiegs abfedern.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem fleischwirtschaft.de-Schwesterportal www.agrarzeitung.de.

Quelle: agrarzeitung.de, fleischwirtschaft.de / dfv Mediengruppe
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