Verzehrgewohnheiten: Zahlen lügen manchmal do...
Gerd Abeln
Verzehrgewohnheiten

Zahlen lügen manchmal doch

Donnerstag, 17. Juni 2021

FRANKFURT Vergleiche bestätigen keinen klaren Trend zu fleischloser Ernährung.

Das Statistische Bundesamt (Destatis) veröffentlichte im Mai erstmals einen Jahresvergleich zu vegetarischen Lebensmitteln, den fast jedes Fachmagazin und jede Tageszeitung aufgegriffen hat – vegetarisch und vegan sind schließlich angesagte Vokabeln. Zudem gab es einen imposanten Tonnagezuwachs von 39 Prozent für alternative Fleischersatzprodukte, und auch wertmäßig standen mit 37 Prozent Plus knapp 375 Millionen Euro mehr auf der Habenseite. Gut, dass das Amt zur richtigen Einordnung einen Vergleich zum Wert der in Deutschland hergestellten Fleischproduktein Höhe von 39 Milliarden Euro gleich mitlieferte – mehr als das Hundertfache des Veggie-Wertes.

Äußerst ärgerlich nur, dass in der Destatis-Pressemitteilung die Zwischenüberschrift „Fleischkonsum in Deutschland zwischen 1978 und 2018 stark gesunken“ in die Irre führt, die genauso in vielen Medien der Einfachheit halber oder dem Zeitgeist entsprechend gerne übernommen wurde. Wer allerdings die hinter der Aussage stehenden Zahlen genau anschaut, stellt schnell fest, dass diese nur einen kleinen Ausschnitt des Fleischkonsums darstellen – dem zum Kochen oder Braten in Deutschland verwendeten Anteil, dem „Sonntagsbraten“. 1978 verbrauchte ein Haushalt demnach gut 6,7 Kilogramm Fleisch im Monat – Wurstwaren, Räucher- und Trockenfleisch oder anderes konserviertes, verarbeitetes Fleisch nicht mit eingerechnet. 40 Jahre später waren es mit rund 2,3 Kilogramm laut den Daten für die „gekaufte Menge je Haushalt und Monat“ aus der repräsentativen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) nur noch rund ein Drittel der Menge.

Zwar hat sich laut Amt die Größe eines Haushaltes im genannten Zeitraum von durchschnittlich 2,5 auf zwei Personen verringert, doch das wiegt den statistisch so großen Unterschied nicht auf. Dieser wird eher durch Tatsachen schlüssig, von denen nirgendwo zu lesen war. Der „Sonntagsbraten“ ist nicht mehr „in“, aber der Restaurantbesuch, der schnelle Imbiss an der Ecke und der Verzehr von Convienience-Produkten haben stark zugenommen. Der Fleischkonsum insgesamt sinkt dadurch in den letzten Dekaden in der Summe tendenziell auch nur leicht und pendelt beharrlich um die 60 Kilogramm pro Person und Jahr. Die sich stark und schnell verändernden Konsumgewohnheiten der Verbraucher, die die Mini-Kategorie „Fleisch zum Kochen oder Braten“ bedeutungsloser hat werden lassen, sind der Schlüssel der Fehlinterpretation.

Auch wenn in dem Zusammenhang „Verbrauch“ und „Verzehr“ – wie sonst so oft – hier nicht falsch miteinander verglichen wurden, dürfen die Daten der EVS auf keinen Fall im Verhältnis zu Verbrauchsdaten der BLE oder zu Daten der Nationalen Verzehrsstudie gesehen werden. Die Wirklichkeit gibt eine so starke Verringerung des Fleischkonsums nicht her. Ja, der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch war 2020 mit 57,3 Kilogramm so niedrig wie noch nie seit Beginn der Berechnung 1989 – aber runde fünf Prozent Schwankungen sind noch lange keine zwei Drittel weniger.

Quelle: Fleischwirtschaft 6/2021
Themen
Destatis Trends
stats