Wertschätzung: Faire Preise, gerechte Löhne
Jörg Schiffeler
Wertschätzung

Faire Preise, gerechte Löhne

Dienstag, 11. Januar 2022

FRANKFURT Die Wirtschaftlichkeit in der Agrar- und Fleischwirtschaft bleibt auch im neuen Jahr eine Herausforderung.

Der Start in das neue Jahr war sprichwörtlich begleitet von Pauken und Trompeten. Der neue Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir tappte in der Diskussion um faire Preise nach Weihnachten in eine Falle. In kürzester Zeit drohte sich eine Debatte um Lockvogelangebote zu entfalten. Der Grünen-Politiker kam noch einmal mit einem blauen Auge davon. Es wurde wieder ziemlich schnell still um Nahrungsmittel, die ihren Preis wert sein sollen.

Die Auseinandersetzung um den richtigen Tarif für unsere Mittel zum Leben ist vielschichtig und wird in der Regel durch Angebot und Nachfrage durch den Markt selbst geregelt. Im Spätherbst wünschten sich die Landwirte eine Ankurbelung der Nachfrage, weil Überhänge am Schweinemarkt für einen Absatzstau sorgten. Zu den Auslösern gehören die Afrikanische Schweinepest und die Corona-Pandemie. Parallel sinkt der Appetit auf Schweinefleisch. Was also tun? Die zu anderen Zeiten oftmals wegen ihrer Preispolitik an den Pranger gestellten Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels ließen sich in die Pflicht nehmen und offerierten den Kundinnen und Kunden zahlreiche Angebote. Das Ziel: Die Landwirtschaft hierzulande erhalten und den Umbau der Nutztierhaltung vorantreiben. Das ist auch dringend geboten, denn laut Viehzählung des Statistischen Bundesamts vom November ist die Schweineherde so stark zusammengeschrumpft wie seit 1996 nicht mehr. Innerhalb eines Jahres gaben 1.600 Schweinebauern auf.

Wirtschaftliches Arbeiten wird auf Deutschlands Höfen nicht einfacher. Der Umbau der Ställe mit spürbar mehr Tierwohl verschlingt viel Geld. Neben politischen Forderungen skizzieren auch EU-Prognosen Bilder, in denen hierzulande künftig weniger Tiere gehalten werden. Was bedeutet das für die Notierung und nachgelagert für die Kalkulation in der Theke? Kleinere Angebote ermöglichen steigenden Preise. Das Lebensmittel Fleisch darf jedoch nicht zum Luxusgut werden, an dem sich der soziale Unfriede entzündet. Bereits jetzt leben in der Bundesrepublik 13,4 Mio. Menschen in Armut. Das entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung. Das sollten wir nicht aus dem Blick verlieren.

Auf dem Schirm haben sollten die Unternehmerinnen und Unternehmer auch die Entlohnung ihrer Beschäftigten. Was dabei als fair gelten kann, ist ebenso vielschichtig wie die Diskussion um Lebensmittelpreise. Zum Jahreswechsel stieg der gesetzliche Mindestlohn auf 9,82 Euro je Stunde. Das sorgte nun wiederum für Verwirrung in Handwerksbetrieben und Industrieunternehmen. Letztere haben sich mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) auf einen Tarifvertrag in der Fleischwirtschaft geeinigt, der kurz vor dem Jahreswechsel vom Bundesarbeitsministerium als allgemeinverbindlich erklärt wurde. Das bedeutet, dass alle Unternehmen in der Fleisch- und Fleischwarenindustrie einen Mindestlohn von elf Euro je Stunde vergüten müssen. Zahlreiche fleischerhandwerkliche Betriebe sind dagegen in Innungen organisiert und damit Mitglied eines Landesverbands. Diese haben oftmals mit der NGG einen Flächentarifvertrag abgeschlossen – beispielsweise in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz. Zu zahlen ist aber immer wenigstens der gesetzliche Mindestlohn.
„Wegen knapper Personalressourcen an allen Fronten wird der Kampf um die besten Talente nicht nachlassen.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Die Wirtschaftlichkeit in der Agrar- und Fleischwirtschaft bleibt auch im neuen Jahr eine Herausforderung. Daneben fehlt es sowohl an Fachkräften wie auch an jungen Menschen, die sich für eine Ausbildung interessieren. Das ist nicht neu, aber das Finden und Binden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bleibt eine zentrale Chefaufgabe, die nicht allein mit finanziellen Anreizen zu lösen sein wird. Wegen knapper Personalressourcen an allen Fronten wird der Kampf um die besten Talente nicht nachlassen. Wenn der Nachwuchs fehlt, sind auch die Zukunftsaussichten für Metzgereien, Fleischverarbeiter und Schlachthöfe düster, denn Entwicklung braucht fleißige Mitstreiter, die über Power verfügen.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 1-2/2022
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