Kommentar von
Sandra Sieler

Ausbildung im Fleischerhandwerk Imagewandel braucht noch mehr Schub

Dienstag, 18. April 2017
Jeder dritte Ausbildungsplatz im Fleischerhandwerk bleibt unbesetzt. Das ist die traurige Bilanz des aktuellen Berufsbildungsberichts zum Jahr 2016. Noch ist keine Entspannung in Sicht, allen Bemühungen zum Trotz.

Dabei wächst doch das Interesse an der Ernährung, an einem guten Stück Fleisch und seiner fachgerechten Zubereitung. Dry-aged Beef, Pulled Pork und Barbecue sind in aller Munde. Kochen mit Fleisch und das Wissen darüber sind wieder „in“. Das aber zum eigenen Beruf zu machen oder seinem Sohn zu einer Fleischerlehre zu raten, soweit geht das Interesse dann meistens doch nicht. Und so gehören der Metzger und die Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk in der Statistik zu den am wenigsten beliebten Ausbildungsberufen, gleich nach dem Restaurantfachmann und vor dem Fachmann für Systemgastronomie. Die Bäcker haben ein ganz ähnliches Problem.

Ausbildung
(Bild: DFV)

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Gleichzeitig entwickelt sich der Trend zu Handgemachtem und Regionalem gerade im Lebensmittelbereich immer weiter. Produkte mit individuellem Charakter sind gefragt, produziert von einem Meister seines Fachs, entsprungen seiner persönlichen Kreativität. Darauf stürzen sich auch die Medien mit Begeisterung. Zeitungen und TV-Reportagen beschäftigen sich immer öfter mit der modernen Seite der Fleischerberufe, zeigen coole Typen, die echte Fachmänner in ihrem Metier sind – und Fachfrauen. Der Anfang ist gemacht. Doch irgendwie scheint das neue Bild der Metzger noch nicht in der Breite angekommen. Vor allem nicht in den Köpfen der jungen Leute, beziehungsweise derer, die sie in der Berufswahl beraten: Eltern, Lehrer, Berater der Bundesagentur für Arbeit.

Dem Fleischerhandwerk fehlt aber nicht nur der Nachwuchs, auch sonst fällt es schwer, alle Positionen in Produktion und Verkauf zu besetzen. Das hemmt zum Teil auch das Wachstum. Denn die Rahmenbedingungen sind eigentlich ganz positiv für die handwerklichen Metzger: Der wiederentdeckten Leidenschaft fürs Kochen und Grillen sei Dank. Dennoch: Es schmerzt jeden Unternehmer, ein Geschäft abzulehnen. Oft fehlt es aber im Betrieb an der nötigen Manpower, um den Auftrag zur Zufriedenheit aller abzuwickeln. Eine alarmierende Entwicklung.
„Wie begeistert man junge Leute wieder für das Fleischerhandwerk? Eine Patentlösung gibt es nicht. Es werden tausend Einzelmaßnahmen sein, die ans Ziel führen.“
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Eine Ausbildung im Fleischerhandwerk bringt also beste Chancen für junge Leute: was die langfristige Beschäftigung betrifft ebenso wie die Weiterbildungsperspektiven. Da wundert es manchmal schon, warum so viele immer noch lieber eine Banklehre beginnen, obwohl der Ruf dieses Sektors in den letzten Jahren ganz schön ramponiert wurde. Außerdem müssen die Bankhäuser scheinbar immer kreativer werden, um an Geld zu kommen. Nicht umsonst erheben Sparkassen und Co. inzwischen Gebühren schon für Basisleistungen wie Überweisungen oder das Geldabheben am Automaten. Krisensicher ist anders. Der Eindruck bestätigt sich noch, wenn man die fortschreitende Digitalisierung beobachtet: Arbeitsplätze in der Bank sind um einiges leichter zu automatisieren und vom Computer zu übernehmen als der Fleischer, der ausbeint, oder die fachkundige Beratung einer Verkäuferin im Lebensmittelhandwerk. Wir sehen ja, dass der Onlinehandel mit den Dingen für das tägliche Leben zwar wächst, das aber kaum Auswirkungen auf den Markt hat.

Wie also begeistert man junge Leute wieder für das Fleischerhandwerk? Eine Patentlösung gibt es nicht. Vielmehr werden es tausend Einzelmaßnahmen sein, die ans Ziel führen. Und dabei sind alle Ebenen gefragt. Die Dachverbände entwickeln immer ausgefeiltere Kampagnen und nutzen noch mehr Kanäle für die Imagewerbung. Im schulischen Bereich heißt es, noch weiter Vorurteile gegenüber den Lehrberufen Fleischer und Fachverkäuferin auszuräumen. Entscheidend ist aber genauso, wie die Betriebe vor Ort für sich und ihre Zunft werben. Sie müssen das neue, coole Bild des Metzgers mit Leben füllen und für alle erlebbar machen.

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