Kommentar von
Jörg Schiffeler

Ausbildungsreport 2018 Ausgebeutete Auszubildende beklagen sich zu Recht

Dienstag, 04. September 2018
Junge Menschen ticken anders. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass das schon immer so gewesen ist. Die Misere am Ausbildungsmarkt sowie der Fachkräftemangel machen es erforderlich, nicht nur neu zu denken, sondern auch anders zu handeln.

Nicht wenige unter Ihnen werden die Ergebnisse des neuen Ausbildungsreports des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) anzweifeln. Einerseits weil die Studie sich nicht auf die Lehrberufe der Fleischer – also die Ausbildung zum Gesellen oder zur Gesellin sowie zur Fachverkäuferin bzw. Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk – konzentriert und andererseits insgesamt 14.959 Jugendliche aus 25 Lehrberufen befragt wurden. 

Nehmen wir die Ergebnisse doch sehr ernst! Vorweg: Es ist eine gute Nachricht, dass 70,2 Prozent der Azubis mit ihrer Ausbildung zufrieden sind. Eine Zustimmungsquote, die sich sehen lassen kann. Leider war das in den Medien für das breite Publikum nicht der Tenor, denn es läuft nicht überall rund. Das ZDF berichtete „Azubis klagen über Überstunden und Arbeitsdruck“, die Tagesschau meldete „Azubis sind unzufrieden“ und der Deutschlandfunk sendete „Leidvolle Lehrjahre“ über den Äther. Was ist nun zutreffend? Wir Journalisten stecken in einer Falle: Weisen wir auf Missstände hin oder berichten wir darüber, was gut läuft? Der unabhängige und objektive Betrachter begibt sich idealerweise in beide Perspektiven. Intuitiv stehen wir den Schwächeren näher als den Stärkeren – beide müssen jedoch Gehör finden. 

Fleischerberufe - Fleischer - Azubis - Lehrlinge - Verkäufer
(Bild: DFV)

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Während der DGB 2017 die Qualität der Lehre ins Visier nahm, konzentriert sich der Report diesmal auf die Arbeitszeit. Das Thema ist spannend, weil es Aufschluss über die Situation in den Betrieben gibt. Zudem lässt es Rückschlüsse darauf zu, was jungen Menschen heute wichtig ist. Fragt man heute Meister danach, ist schnell die Rede von der „Work-Life-Balance“. Dabei hat die Fachkraft von morgen durchaus ein Streben nach beruflichen Chancen und Perspektiven – allerdings müssen die Bedingungen stimmen. Da sind Azubis heute weiter und selbstbewusster als zu früheren Zeiten, weil sie sich den Beruf aussuchen können, weil es mehr offene Lehrstellen denn je gibt, weil die Verdienstmöglichkeiten stark variieren und moderne Informationstechnologie via Social Media gute Einblicke in „Kaderschmieden“ mit besonderen Ausbildungsqualitäten gewährt. Nun wird der eine oder andere Leser sich dabei ertappen zu denken: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Der Verweis darauf führt aber nicht weiter.

Der Fokus auf die Arbeitszeiten offenbart, dass 36,3 Prozent der Azubis regelmäßig Überstunden leisten müssen – und das meist ohne Freizeitausgleich oder Vergütung. Das hat sich noch nie gehört. Um so erstaunlicher das Statement von Deutschlands oberstem Handwerker, ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer, als er im „Handelsblatt“ sagte „In anderen Ländern müssen die Lehrlinge selbst für ihre Ausbildung aufkommen“. Wen wundert es da, dass der Nachwuchs genau prüft, ob er im Handwerk seine Erfüllung findet. Die ständige Erreichbarkeit von Mitarbeitern dehnen die Arbeitgeber auch auf die Lehrlinge aus. So gaben 54,4 Prozent der Befragten zum Ausbildungsreport an, dass sie in ihrer Freizeit für den Ausbilder mobil erreichbar sein müssen. Auch wenn inzwischen eine Generation heranwächst, die ein Leben ohne Handy nicht mehr kennt, kann die ständige Erreichbarkeit Stress auslösen und krank machen.

Auch junge Menschen müssen – wie alle anderen – mal abschalten können. Zugegeben: Dafür gibt es plausible Gründe. Insbesondere dann, wenn man ungeplant mit einspringen muss, wenn in Produktion oder Ladenverkauf ein anderer Mitarbeiter fehlt. Diese Notwendigkeit zu vermitteln und Wert zu schätzen ist Aufgabe von Ausbilder und Unternehmer. Es muss im Handwerk Freude machen, wenn alle mit anpacken. Am besten kraftvoll und zuverlässig, weil es sich lohnt. Diese Tugend, gilt es weiterzureichen, damit bei der Lehre keine Leere herrscht.

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