Kommentar von
Jörg Schiffeler

Bauernproteste Jetzt haben wir den Salat

Dienstag, 03. Dezember 2019
Vergangene Woche war in Berlin mächtig was los. Landwirte aus dem kompletten Bundesgebiet steuerten mit ihren Schleppern die Bundeshauptstadt in einer Sternfahrt an.

Den Bauern stinkt’s. Und zwar gewaltig. Damit sind sie zweifelsfrei nicht die einzige Berufsgruppe, der das gesellschaftspolitische Klima nicht passt. Im Unterschied zu Fleischern protestiert die Bauernschaft lautstark.

Worum geht es? Die gesetzlichen Auflagen für mehr Umwelt- und Klimaschutz sowie Forderungen nach Tierwohl stellen die Agrar- und Ernährungswirtschaft vor große Herausforderungen, weil alle Maßnahmen nach Investitionen verlangen. Diese müssen sich rechnen und dafür benötigen Unternehmer ein Mindestmaß an Planungssicherheit.

Seit einiger Zeit läuft die Debatte um nachhaltige Lebensformen und Einhaltung von Klimazielen – immer wieder angefacht durch die Bewegung „Fridays for Future“ – ziemlich einseitig. Diejenigen, die für unser täglich Brot sorgen, werden immer wieder an den Pranger gestellt. Das gefährdet den sozialen Frieden in unserem Land.

„Der Wille nach Veränderung in Zeiten des Klimawandels ist da: in der Gesellschaft, unter Landwirten, bei Metzgern und auch in Reihen vieler Abgeordneter.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Der Wille nach Veränderung in Zeiten des Klimawandels ist da: in der Gesellschaft, unter Landwirten, bei Metzgern und auch in Reihen vieler Abgeordneter. Die Verunsicherung ist deshalb so groß, weil die Politik es versäumt, wichtige Weichen zu stellen. Ein gutes Beispiel gibt hier die Entscheidungsunfähigkeit Deutschlands für eine neue Dünge-Verordnung, die endlich EU-Recht in nationale Gesetze umsetzt.

Nun positionieren sich Teile der Landwirtschaft als Opfer einer verfehlten Agrarpolitik, die von Lobbyisten unter Druck gesetzt werden. Die Bauern vergessen, dass sie selbst die größte Lobbyorganisation sind. Auch wenn ihnen gerade der Bayer-Konzern mit einer millionenschweren Kampagne zupasskommt, in der Pflanzenschutzmittel eine zentrale Rolle bei der „Lebensmittelrettung“ einnehmen.

Die Verbraucher ticken anders. Sie sehen die riesigen Aufgaben im Zuge einer rasant wachsenden Weltbevölkerung nicht. Sie sehen aber einen sterbenden Regenwald und vermüllte Ozeane. Viel zu viele Menschen tragen in sich ein Bild von einer bäuerlichen Idylle, die es kaum noch gibt. Der Hof der Nostalgie würde keine 7,75 Milliarden Menschen rund um den Globus satt machen – nicht einmal die im eigenen Land.

Die seit Jahren andauernde Kritik an der Nutztierhaltung, Diskussionen um alternative Ernährungsweisen, steigende Kosten durch neue Verordnungen und Richtlinien sowie sinkende Ausgaben der Verbraucher fürs Essen bleiben nicht ohne Folgen: Der Viehbestand ist hierzulande auf den niedrigsten Stand seit 2004 gesunken. Auch in anderen klassischen „Schweinenationen“ wie Belgien, Dänemark oder den Niederlanden hatten die Erzeuger gegenüber dem Frühsommer 2018 ebenfalls weniger Tiere im Stall, weil immer mehr Auflagen die Produktion dämpfen.
Schlachtschwein
(Bild: si)

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Jetzt haben wir den Salat. Das Angebot kann den Bedarf nicht decken. Unter anderem weil mit China ein Kunde auf den Weltmarkt getreten ist, der wegen der Afrikanischen Schweinepest (ASP) kräftig Ware ordert. Schließlich soll die Bevölkerung im Reich der Mitte nicht darben müssen.

Als am Wochenende die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung titelte, dass Kälber für 8,46 Euro das Stück verschleudert werden, war das Entsetzen riesengroß. Gaben die Deutschen im Jahr 1950 noch 44 Prozent aller privaten Ausgaben für Lebensmittel aus, waren es 2017 noch knapp 14 Prozent. Für Kultur, Sport und Urlaub machen wir wesentlich mehr locker.

Hände in den Schoß legen ist dennoch keine Alternative. Es wird Zeit für Anbau- und Produktionsbedingungen, die dem Klimaziel gerecht werden. Ausnahmslos jeder – Erzeuger, Verarbeiter und Verbraucher – muss seinen Beitrag leisten, damit Mensch, Tier und Umwelt eine Zukunft haben. Und die gibt es nicht zum Discounttarif.

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