Kommentar von
Renate Kühlcke

Ferkelkastration Das Prinzip Hoffnung trägt noch

Donnerstag, 28. Juni 2018
Wie soll’s mit der Ferkelkastration (weiter)gehen? Nachdem das Thema kurzfristig von der Tagesordnung der Agrarministerkonferenz verschwunden ist und damit die erhoffte politische Klarheit weiter auf sich warten lässt, wächst die Unruhe in der Wertschöpfungskette Schwein – aber nicht, ohne auf das Prinzip Hoffnung zu vertrauen.

Drei Alternativen sind zum jetzigen Standpunkt zugelassen und einsatzfähig. Um die branchenweit favorisierte Lokalanästhesie wird im Detail gerungen. Dabei hat es der vierte Weg politisch schon weit gebracht und ist im Koalitionsvertrag von Union und SPD verankert. Dort heißt es: „Zusätzlich zu den bestehenden Wegen sollen für weitere tierschutz- und praxisgerechte Alternativen zur Ferkelkastration die rechtlichen Voraussetzungen auf wissenschaftlicher Grundlage geschaffen werden.“
„In der Wertschöpfungskette Schwein wächst die Unruhe – aber nicht, ohne auf das Prinzip Hoffnung zu vertrauen.“
Renate Kühlcke
Sprich, die Groko lässt ergebnisoffen forschen und diskutieren. Wichtige Experten aber sagen, diese Methode sei nicht mit dem Tierschutzgesetz in Einklang zu bringen, das eine komplette Schmerzausschaltung und nicht nur eine Schmerzbehandlung fordert. Auch bei der Interpretation des Begriffes „weitestgehende“ bzw. „wirksame Schmerzausschaltung“ besteht keine Einigkeit. Um hier voranzukommen, müsste das Tierschutzgesetz entsprechend geändert und von der Schmerzausschaltung abgerückt werden. Das wird wohl in dieser Weise nicht geschehen, auch die Politik legt sich ungern mit Tierschützern an.

Zwei Ansätze rechtfertigen aber das Prinzip Hoffnung: Die Branche engagiert sich für eine sachkundige Schulung der Tierhalter und lässt so keinen Raum für die Angst vor Betäubungsmittel in Laienhand, und die Tierärzteschaft könnte sich mit einer arzneimittelrechtlichen Umwidmung des Wirkstoffs Lidocain unter Einhaltung der im Arzneimittelgesetz geregelten Vorgaben arrangieren. In Schweden dürfen Erzeuger bereits seit 2016 die Ferkel unter lokaler Betäubung mit diesem Wirkstoff kastrieren. Und seit Januar ist dieses Verfahren auch im Ferkelexportland Dänemark erlaubt. Allein in Deutschland ist der politische Wille in dieser Sache nicht wirklich greifbar.
Isofluran
(Bild: jus)

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Aber auch der deutsche Handel bezieht nicht eindeutig Stellung. Offiziell schließt zwar praktisch keiner in Einkaufsrichtlinien eine Produktionsmethode aus, tatsächlich bevorzugen die Einkäufer aber – wie auch die Wursthersteller – Fleisch von kastrierten Tieren. Vom 2008 ursprünglich formulierten Branchenziel, ganz auf die Ferkelkastration zu verzichten, ist jedenfalls keine Rede mehr.

Derweil läuft den deutschen Ferkelerzeugern die Zeit davon. Die Sauen der Ferkel, auf die die Neuregelung zutrifft, werden im Spätsommer bzw. zum Herbstanfang belegt. Darauf verweist ein orientierungsloser Ferkelerzeuger in seinem Offenen Brief an die führenden Schlachtbetriebe und Lebensmittelhändler. Er sucht den Dialog, um eine gemeinsame Lösung zu finden. Hier öffnet sich ein weiterer, ein fünfter Weg. Er führt direkt in partnerschaftliche Projekte mit festen Liefer- und Abnahmevereinbarungen.
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