Kommentar von
Jörg Schiffeler

Corona in der Fleischwirtschaft In jedem Desaster steckt ein neuer Anfang

Dienstag, 23. Juni 2020
Den Unternehmen der Fleischwirtschaft geht es seit Wochen gehörig an den Kragen. Die Herausforderungen sind nicht neu, einzig das Coronavirus übernimmt die Rolle eines Katalysators.

Während sich der gefährliche Erreger in der Branche vornehmlich in den Schlachtbetrieben exorbitant ausbreitet, müssen sich die Fleischverarbeiter Antworten auf die Fragen nach den Arbeitssituationen in ihren Betrieben sowie den Wohnverhältnissen ihrer Mitarbeiter gefallen lassen. Generell gilt: In den Industrieunternehmen und in den Fleischwerken des Handels ist das Beschäftigungsmodell Werkvertrag Usus.

Für das vom Gesetzgeber vor Jahren geschaffene und damit legale Konstrukt gab und gibt es gute Gründe. Beispielsweise hilft es saisonale Produktionsschwankungen abzufangen, wie Geschäftsführer Stephan Oeller von Wolf Wurst betont. Warum die Instrumente Werkvertrag und Zeitarbeit in den Schlacht- und Zerlegebetrieben sowie Wurstfabriken offenkundig mehr Probleme bereiten als in der Automobilwirtschaft, im Facility Management oder im Gesundheitswesen müssen die entsprechenden Unternehmer beantworten. 

Wolf Wurst - Werkverträge
(Bild: LS)

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Fest steht, dass Beschäftigungssysteme, die auf Subunternehmer setzen, im Fleischsektor regelmäßig für Ärger sorgen. Davon zeugen etliche Beiträge in unseren Artikeldatenbanken. Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit und die Gewerkschaft NGG wissen nur allzu gut über den ausgeprägten Phantasiereichtum einzelner Dienstleister und Unternehmer zu berichten. Der gesamte Sektor benötigt mehr denn je eine konzertierte Aktion. Damit meine ich nicht den Verweis auf einen Verhaltenskodex oder Selbstverpflichtungen, die gar nicht von allen Mitgliedsunternehmen des Verbands der Fleischwirtschaft (VDF) getragen werden. Nein, ein Voranschreiten ist unabdingbar. 
„Raus aus der Opferrolle, hinein in eine lenkende Position!“
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Die Ankündigungen von Westcrown, Westfleisch, Wiesenhof und Tönnies, die Werkvertragspraxis zu beenden, ist mehr als dringend geboten. Sie passen in die gesellschaftspolitische Diskussion. Selbst wenn es gute Gründe für Arbeit auf Zeit gibt, so zementiert jedes Argument dafür die Beharrlichkeit des Status quo. Die Öffentlichkeit muss wieder Vertrauen in die Branche entwickeln. Gleichwohl wird das geplante Verbot der Bundesregierung von Werkverträgen weder die Personalnöte lösen, noch die kargen Löhne nachhaltig aufstocken. 
Westfleisch Coesfeld
(Bild: imago images / Revierfoto)

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Wir brauchen eine völlig neue Kalkulation – davon bin ich überzeugt. Gestatten Sie mir daher diesen dritten Appell während der Pandemie. Mehr Wertschöpfung in der Kette, mehr Wertschätzung für diejenigen, die unsere Mittel zum Leben produzieren sowie mehr Tierwohl und Umweltverträglichkeit werden wir sonst nicht realisieren können. Nutzen wir endlich die Corona-Krise, um unser kostenoptimiertes Wirtschaftssystem zu hinterfragen.

Dazu gehört auch, sich in die Rolle der anderen zu versetzen. Das gilt beispielsweise auch, wenn Aldi die Kursschwäche von Schlachtschweinen nutzt, um die Preise bei seinen Lieferanten nachzujustieren. Das machen Fleischer übrigens jede Woche, wenn sie die Notierungsseiten dieser Ausgabe studiert haben. Und die Politik muss begreifen, dass es Unterschiede zwischen Handwerk und Industrie gibt, wie Präsident Herbert Dohrmann vom Deutschen Fleischer-Verband es verlangt.
Dohrmann - Handwerk ist anders
(Bild: DFV)

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Hinzuzufügen wäre da noch die aufgewärmte Idee einzelner Unionsagrarier nach dezentralen Schlachthofstrukturen: Erstens existieren diese noch, wenn auch nicht mehr in der Ausprägung von Anfang der 1990-er Jahre, als ich meine Ausbildung mit Schwerpunkt Schlachten absolvierte. Zweitens sind es die Lokalpolitiker und Ratsmitglieder, die die städtischen Schlachthöfe abgestoßen und verdrängt haben sowie Genehmigungsverfahren für moderne Betriebsstätten in ungeahnte Längen ziehen. Vielleicht setzen sich die Kommunalpolitiker und die Unternehmer an einen Tisch, so wie es zuletzt in Erlangen geschah.

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