Kommentar von
Sandra Sieler

Einkauf von Fleisch & Wurst Im Kopf der Kunden gibt es keinen Umschalt-Knopf

Dienstag, 21. Januar 2020
Ein Marktanteil von 70 Prozent bei Geflügelfleisch und rund 24 Prozent bei Schwein. Die Initiative Tierwohl (ITW) hat in den fünf Jahren ihres Wirkens bereits einiges erreicht: Über zwei Programmphasen hinweg haben bereits mehr als 100 Millionen Schweine und zwei Milliarden Hähnchen und Puten von den Tierwohlmaßnahmen in dem Programm profitiert. Aber da geht noch mehr.

Mit der neuen Programmphase ab 2021 wird die Finanzierung auf neue Füße gestellt. Zahlte bislang der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) eine Pauschale je verkauftem Kilo Fleisch in einen Fonds, bekommt der Mäster jetzt einen expliziten Tierwohl-Aufschlag direkt vom Schlachter. Und dieser soll sich die Kosten von den Händlern zurückholen. Darin haben die in der ITW beteiligten Ketten bereits eingewilligt. Alle Großen sind dabei. Spätestens bei den Preisrunden für 2021 werden sie sich beim Wort nehmen lassen müssen.

Außerdem hat der LEH zugesagt, ab dem kommenden Jahr sein komplettes Grundsortiment bei unverarbeitetem Schweinefleisch auf die Stufe zwei des Kennzeichnungssystems „Haltungsform“ anzuheben. Die „Stallhaltung plus“, wie die Stufe auch heißt, bietet beispielsweise zehn Prozent mehr Platz und mehr Beschäftigungsmaterial.

„Entscheidend ist die Initiative: Der Anfang ist gemacht. Schließlich kann sich bald jeder Fleisch von Tieren kaufen, denen es besser erging als den meisten anderen Schweinen. Und er wird es sich auch leisten können.“
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Ob man angesichts eines Mindestplatzangebots, das dann immer noch unter einem Quadratmeter liegt, schon von Tierwohl sprechen kann, sei dahingestellt. Entscheidend ist die Initiative: Der Anfang ist gemacht. Schließlich kann sich bald jeder Fleisch von Tieren kaufen, denen es besser erging als den meisten anderen Schweinen. Und er wird es sich auch leisten können. Denn die ITW sieht schon sehr genau, dass die Preissensibilität beim Fleisch sehr ausgeprägt ist. Und das gilt auch für Tierwohl-Fleisch – selbst wenn der Verbraucher in Umfragen immer wieder beteuert, dass er für Fleisch und Wurst aus tierfreundlicher Erzeugung merklich tiefer in die Tasche greifen würde. Wenn ab 2021 flächendeckend Frischfleisch mit dem gelben Logo und dem blauen Haken der ITW im Handel erhältlich ist, kommt es zum Lackmus-Test: Nimmt der Kunde im Supermarkt oder Discounter den Aufschlag an, den die Händler ohne Zweifel an den Kunden weiterreichen werden? Neun bis 13 Prozent, das wäre laut Studien verträglich. Warten wir es ab.
PK ITW 2020
(Bild: si)

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Die Finanzierung über den Markt hat noch einen weiteren Vorteil gegenüber der Fondslösung: Die Deckelung entfällt. Im Prinzip kann dann jeder Landwirt mitmachen, der an einen ITW-Schlachthof liefert. Fleisch aus besseren Haltungsformen wird damit massentauglich. Die Initiative Tierwohl geht davon aus, dass sich innerhalb weniger Jahre die Handelsmengen an Schweinefleisch mit dem ITW-Logo verdoppeln könnten. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur artgerechten Tierhaltung. Und hier ist jede Bewegung wertvoll.

Um dem Bewusstsein in der breiten Masse noch einen weiteren Push zu verleihen, ist eine Ausdehnung des Programms auf den Außer-Haus-Markt unerlässlich. Hier zeigen sich die großen Caterer und Systemgastronomen noch zu zögerlich. Dabei ließe sich der Tierwohl-Aufschlag ja vielleicht sogar mit einer geringeren Portionsgröße gegenrechnen. Dem Tier zuliebe. Und wer bereits in der Kantine das Fleisch mit besserem Gewissen verzehrt, legt es dann vielleicht auch öfter in seinen Einkaufskorb. Oder umgekehrt. In jedem Fall bekäme das Thema Tierwohl in der Fleischerzeugung bei entsprechender Bewerbung einen ganz neuen Drive. Es würde noch ein Stück alltäglicher.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und der Verbraucher ein Mensch. Daher hat die Politik der vielen kleinen Schritte möglicherweise bessere Erfolgsaussichten – auf der Erzeuger- und auf der Verbraucherseite. Den Schalter einfach umzulegen funktioniert in einer solch kleinteiligen und komplexen Struktur wie der Lieferkette Fleisch nun mal nicht. Zumindest nicht, ohne einen Strukturbruch zu riskieren. Und das will die Politik aktuell nicht.

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