Kommentar von
Jörg Schiffeler

Einklang von Technologie und Verbrauchererwartung

Dienstag, 18. Februar 2014

Jörg Schiffeler über den Einfluss veröffentlichter Meinung auf das Produkt

Jetzt ist es so gut wie amtlich: Die EU-Kommission setzt in Zukunft im Vorfeld neuer Gesetzesvorhaben auf die Anhörung von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Der Einfluss von Branchenlobbyisten soll verringert, die Meinungsvielfalt erweitert werden.

Diese Situation ist in Deutschland nicht neu: NGOs und Verbraucher-schützer machen Stimmung und etablieren sich dann geschickt als Meinungsmacher, sodass die Politik zu Reaktionen schon fast gezwungen ist. Die Parteien behaupten dann im Sinne aller Verbraucher zu handeln. Dabei können sie aber nicht belegen, für wie viele Menschen sie glauben zu sprechen.

Auch wenn mehr Wissen und mehr Meinungsbildung nicht zwangläufig zur Verbesserung von Fachwissen sowie zur Innovation von Produkten – auch Lebensmitteln – beitragen, werden sich Unternehmen und Produktentwickler darauf einstellen müssen, sich mit der Entwicklung einer „gebildeten Meinung“ zu
arrangieren, wie es Professor Ulrich Nöhle zuletzt in der FleischWirtschaft formulierte.

Die Entfremdung der Lebensmittelproduktion von der Bevölkerung führt zunehmend zu einer gegenseitigen kritischen Haltung von Produzenten und Verbrauchern. Anspruch und Erwartung an eine Kalbsleberwurst fallen beim emotionsgeladenen Verbraucher anders aus als beim verordnungstreuen Hersteller.

Die Liste infrage kommender Erzeugnisse und Themenfelder wächst. Denn parallel zu diesem gegenseitigen Entfernen haben einige Fernsehsender einerseits fragwürdige Unterhaltungsformate geschaffen, die mitunter als „Wissenssendung“ über den Äther laufen oder andererseits „Marktcheck“-Sendungen und Magazine, die nicht immer eine fundierte Recherche erkennen lassen.

Was bedeutet das für die Fleisch verarbeitenden Unternehmen? Die Produktentwicklung und die begleitende Vermarktungsstrategie – Verpackungsgestaltung, Produktinformation und Werbekampagne – muss den Bürger nicht nur als Kunden sondern viel mehr auch als kritischen Verbraucher in Betracht ziehen.

Die moderne Lebensmitteltechnologie muss Antworten finden statt zu tricksen – wie etwa bei der Auslegung des neuen EU-Zusatzstoffrechts. Wenn Verbraucherschützer sich an traditionellen Produktbezeichnungen wie Fleischkäse stören und die Verwendung von Transglutaminase bei der Schinkenherstellung anprangern, wird es wohl auch darauf hinauslaufen, Räucherverfahren zu hinterfragen. Die Diskussion um Aromen und Enzyme ist bereits entfacht.

Die Fleischwirtschaft kann diesen Prozess nutzen, die gute Herstellungspraxis auf den Prüfstand zu stellen. Dabei kommt der Produktinnovation nach wie vor eine zentrale Rolle zu. Wenn die Technologie mit der verbreiteten Erwartung in Einklang gebracht werden kann, sind Misstöne ausgeschlossen, denn Klarheit und Wahrheit sind angesagt.
Das könnte Sie auch interessieren
stats