Kommentar von
Jörg Schiffeler

Tarifverhandlungen Nur wer gutes Geld bezahlt, bekommt auch gute Mitarbeiter

Dienstag, 06. Februar 2018
Fleisch ist wieder trendy. Der bewusste Konsum gewinnt an Bedeutung, und Genusserlebnisse werden zunehmend inszeniert.

Die Wertschätzung für Qualitäten von Rind, Schwein und Geflügel sowie Fleischwaren und Wurst steigt unter den Bundesbürgern. An der Entlohnung der Beschäftigten im Fleischsektor lässt sich das nicht ablesen.

Der Verband der Ernährungswirtschaft (VdEW) und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) rangen in den vergangenen Monaten um einen neuen Mindestlohn. Nun steht das Ergebnis fest: Ab sofort erhalten die rund 150.000 Beschäftigten in den Betrieben der Fleischwirtschaft einen Stundenlohn von mindestens neun Euro. Der Abschluss bewegt sich zwischen den Welten „deutlich aufgestockt“ und „Magerangebot“, denn es gibt nur 25 Cent mehr pro Stunde als vorher.

Gegenüber dem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn erhalten die Mitarbeiter in den Schlacht- und Zerlegeunternehmen sowie in den Wurstfabriken allerdings nur einen Aufschlag von neun Cent gegenüber dem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro. Kein Wunder, dass sich die Tarifparteien beim vorliegenden Abschluss nur auf eine kurze Laufzeit von einem Jahr verständigen konnten. Die Gewerkschafter hätten sich gern auf zehn Euro als Lohnuntergrenze geeinigt. Das schien den Arbeitgebern zu viel. Immerhin sind nun Umkleidezeiten geregelt.

Mindestlohn - Pixabay
(Bild: Pixabay)

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Die Fleischwirtschaft, die sich hierzulande ebenso wie im Binnenmarkt der Europäischen Union einem harten Wettbewerb ausgesetzt sieht, befindet sich mittendrin in einem Konsolidierungsprozess. Magere Renditen erlauben den Unternehmenslenkern keine großen Sprünge bei Gehaltsverhandlungen. Das wissen auch Recruiting-Agenturen, von denen eine auf dem Deutschen Fleisch Kongress von afz und „Fleischwirtschaft“ berichtete, dass der Sektor im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen bescheiden entlohne.

Im Wettbewerb steht die Branche auch um die besten, cleversten und fleißigsten Köpfe. Und der verschärft sich in Zeiten des Mangels an Fachkräften. Gute Mitarbeiter haben die Auswahl, welche Stelle sie antreten wollen. Wer nun glaubt, dass sich Personalnöte mit Leiharbeitern und Werkvertragsnehmern beheben lassen, der irrt. Selbst gering qualifizierte Menschen finden Alternativen, und der Gesetzgeber verschärft das Werkvertragsrecht zunehmend.

Übrigens beträgt der Mindestlohn für Leih- und Zeitarbeit laut Deutschem Gewerkschaftsbund ab April 9,49 Euro im Westen und 9,27 Euro im Osten. In diesen Tagen verhandelte die IG Metall mit der Arbeitgebervereinigung Südwestmetall eine Lohnerhöhung um 4,3 Prozent. Beschäftigte im Elektrohandwerk erhalten bundesweit 10,95 Euro und selbst ungelernte Maler bekommen ab Mai 10,60 Euro.

Das Gehalt ist immer auch ein Zeichen der Wertschätzung. Es motiviert Menschen, ihr Aufgabenfeld im Idealfall bestens zu erfüllen. Auch wenn der Lohn nur ein Kriterium zur Begeisterung und Motivation ist, so fällt es den fleischerhandwerklichen Unternehmen leichter, persönliche Anerkennung zu zeigen. Die Betriebe sind nicht nur familiär geprägt durch Meister und Chefin, sondern für viele Beschäftigte eine sichere Heimat.

Diese Stärke können vor allem die Fleischermeister mit ihren Teams ausspielen. Sie sind im Wettstreit um die klügsten Köpfe ein wirksamer Hebel. Gute Kräfte kosten gutes Geld. Der Blick des Unternehmers und Steuerberaters sollte dabei nicht nur auf die Kosten gerichtet sein: es ist ein Investment in die Zukunft und die Überlebensfähigkeit des eigenen Betriebs. Denn wer den Fachkräftemangel für sein Unternehmen behebt, stellt sich wettbewerbsfähig auf und kann Aufträge auch ausführen.

Weil junge Leute wissen, was sie wollen, müssen sich die Arbeitgeber mehr denn je darauf einstellen. Die Kombi aus einem fairen Lohn, flexiblen Arbeits- und Urlaubszeiten sind da schon mal ein Anfang.

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