Kommentar von
Jörg Schiffeler

Ernährung und Umwelt Metzger stehen für bewussten Konsum

Dienstag, 20. August 2019
Obwohl der Klimastachel tief im Fleisch sitzt, schielen fast zwei Drittel der Verbraucher auf Sonderangebote.

Unsere Lebensmittel sollen nicht nur erschwinglich, sondern möglichst preiswert verfügbar sein. Davon zeugen Handzettel, Prospekte und „Schweinebauchanzeigen“. Zu letzteren erfahren Sie in dieser Ausgabe mehr auf Seite 17. Allerdings versuchen wir dort zu transportieren, wie wichtig es ist, die eigenen Stärken klar und in einzigartiger Weise zu kommunizieren.

Der Widerspruch zwischen Denken und Handeln ist zutiefst menschlich. So werden die Verbraucher bessere Haltungsbedingungen für Rind, Schwein und Geflügel, den reduzierten Einsatz von Antibiotika und eine geringere Belastung der Umwelt immer begrüßen. Wenn es um konkrete Einflussnahme geht – also beim Einkauf – findet bei einer Mehrheit ein Perspektivwechsel statt. Das Gehirn schaltet ganz fix um, damit schließlich doch guten Gewissens beim Knallerpreis zugegriffen werden kann. Das gilt übrigens nicht nur für den Einkauf von Nahrungsmitteln, sondern ebenso für sagenhaft günstige Textilien und Urlaubsreisen. Der Jagdinstinkt ist im Homo sapiens tief verwurzelt und gipfelt in der modernen Welt beim Sichern von Schnäppchen.

„Es ist schlichtweg egal, welchen Platz im Umweltsünder-Ranking ein Wirtschaftszweig einnimmt. Ein „Weiter so“ wird nicht mehr funktionieren.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Die Bewegung „Fridays for Future“ feiert in dieser Woche ihren ersten Geburtstag. Die dezentralen Demonstrationen werden uns weiter begleiten, denn die Generation Z (zwischen 1997 bis 2012 Geborene) fordert mindestens die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens. Darin nimmt die Senkung der Treibhausgas-Emissionen eine zentrale Rolle ein. Die kritische Auseinandersetzung mit der CO2-Bilanz des Segeltörns der jungen Aktivistin Greta Thunberg nach New York wird daran nichts ändern. Die Erzeugung unserer Mittel zum Leben verursacht Klimagase. Deshalb müssen sich die Agrar- und die Fleischwirtschaft der Forderung nach Minimierung ebenso stellen wie die Luftfahrt oder die Automobilhersteller. Es ist schlichtweg egal, welchen Platz im Umweltsünder-Ranking ein Wirtschaftszweig einnimmt. Ein „Weiter so“ wird nicht mehr funktionieren.

Wir brauchen Mut zur Veränderung. Wofür stehen wir? Für welche Werte und gesellschaftspolitischen Ziele treten Fleischermeister, Wurstfabrikant und Lebensmittelhändler ein? Die vorherrschende Überzeugung, dass die Nachfrage der Verbraucher das Angebot schon steuern wird, ist ein Auslaufmodell. Für den Klimaschutz ist es dringend geboten, ausschließlich Angebote zu schaffen, bei denen die Kunden guten Gewissens zugreifen können. Hierbei ist Augenmaß geboten, denn der soziale Frieden hierzulande darf keinesfalls durch ausufernde Ausgaben für Lebensmittel gefährdet werden.

Die Lufthansa geht diesen Weg: Die Airline ermöglicht ihren Kunden jetzt einen CO2-Ausgleich. Außerdem können Fluggäste alternative Kraftstoffe und Aufforstungsprojekte fördern. Ob das klappt? Da habe ich meine Zweifel. „Mehr Tierwohl wird einem nicht aus der Hand gerissen“, bekannte Gabriele Mörixmann zum Frische Forum Fleisch von afz und „Fleischwirtschaft“ im Januar 2018. Zu Beginn dieser Woche strahlte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) die Reportage „Unser Schnitzel“ aus. Die Dokumentation arbeitet sehr gut heraus, wo die Knackpunkte in der Nutztierhaltung, Schlachtung und Vermarktung sowie bei den Einkaufsgewohnheiten liegen. Zwischen Standardware und Fleisch aus dem Offenstall liegen Genusswelten – wie auch die afz in ihrer Ausgabe 29/2019 vor wenigen Wochen im Beitrag „Trio für mehr Tierwohl“ berichtete. Am besten schauen Sie selbst in die Mediathek beim NDR rein. 

Die Sensibilität der Verbraucher für Klima- und Umweltthemen ist ein guter Anknüpfungspunkt für die fleischerhandwerklichen Unternehmen, die Positionierung des eigenen Angebots zu erarbeiten und – wo bereits geschehen – nachzuschärfen. Die Metzger stehen für ein größeres Bewusstsein beim Konsum und umweltschonendere regionale Wirtschaftskreisläufe.

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