Kommentar von
Sabrina Meyer

Exportmärkte Mit Schweinefleisch auf dem Irrweg

Dienstag, 22. September 2020
Noch hat die EU Zeit, selbstbestimmt eine neue Richtung einzuschlagen.

Seit Jahren steigern EU-Länder wie Dänemark, die Niederlande, Belgien und Deutschland ihren Selbstversorgungsgrad mit Schweinefleisch beeindruckend. Mittlerweile ziehen auch südeuropäische Länder mit. Das boomende Exportgeschäft weckt Begehrlichkeiten.

Momentan importiert China noch genügend und der europäische Fleischüberschuss findet reißenden Absatz. Steigbügelhalter ist dabei vor allem die in China wütende Afrikanische Schweinepest (ASP). Das Land der Mitte kann seinen eigenen Schweinefleischbedarf selbst nicht decken und geht fleißig auf Einkaufstour – nicht nur in Europa, sondern global. Dennoch gibt es Anzeichen, dass diese Situation nicht von Dauer sein wird. 

Unter die Berichte über die massiven Importe mischen sich vermehrt auch Nachrichten über die Aufstockung der chinesischen Herde – dies lässt sich auch aus den wachsenden Weizen- und Futtermittelimporten schließen. Chinas Schweinebestand könnte bald wieder das Niveau von vor ASP erreicht haben. Zudem häufen sich die Meldungen über riesige Schlachthäusern, die in Planung sind. Diese sollen schon bald fünf Millionen Schweine pro Woche schlachten, eine nur schwer vorstellbare Kapazitätsdimension, die dem Exporterfolg der Europäer allerdings ganz schnell ein Ende bereiten wird.

Wie schnell so etwas gehen kann, ist am Beispiel Russlands gut nachzuvollziehen. Vor rund acht Jahren stand Russland bei den Schweinefleischeinfuhren noch auf Platz zwei, heute importiert der europäische Nachbar fast nichts mehr, stattdessen ist das Land selbst zum Exporteur geworden. Dieser Strukturwandel findet derzeit auch in China statt. Für die Europäischen Länder ist es an der Zeit, in der gleichen Geschwindigkeit zu reagieren und einen Kurswechsel vorbereiten.

Deutschland mit seinen Strukturbaustellen ist dabei besonders gefordert: Der Fleischkonsum sinkt. Die Verbraucher bevorzugen nur bestimmte Teile des Schweins – das komplette fünfte Viertel geht ins Ausland. Der Konsum soll künftig nicht mehr über die Masse getrieben sein, sondern über die Qualität. Hier kann die Industrie ansetzen. Regionale Strukturen sind ein Verkaufsargument und werden wieder attraktiv. Gut für die nicht mehr weit zu transportierenden Tiere und die CO2-Bilanz.

Ein weiterer Ansatz muss gezieltes Fleischmarketing sein. Praktische Kochtipps und Verarbeitungsvorschläge für unbekannte Fleischteile, die über Websites, Apps oder direkt am Point-of-Sale verbreitet werden, gehören dazu, um der nachhaltigen Nose-to-tail-Bewegung Profil zu geben und die Chen-Produkte hier wieder ein Stück weit salonfähig zu machen. Tierwohl und Nachhaltigkeit sind nun einmal die Argumente, die die Branche zukunftsfähig machen.

Fest steht: Der Schweinefleischmarkt braucht eine andere Fahrtrichtung. Der Weg über Masse und Export führt in eine zu ungewisse Zukunft. Statt mit voller Geschwindigkeit gegen die Wand zu fahren, muss jetzt neu gedacht werden.
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