Kommentar von
Sandra Sieler

Fleischfreie Alternativen Grillwurst oder Grillenwurst?

Dienstag, 27. November 2018
Welche Auswirkungen haben vegane Produkte, Laborfleisch und Insekten auf die Fleischwirtschaft?
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Laborfleisch Insekt Trends Deutscher Fleisch Kongress


Essen wir morgen alle nur noch Insekten, Laborfleisch oder vegane Burger? Dieser Eindruck drängt sich einem schon manchmal auf – insbesondere, wenn man durch aktuelle Ausgabe der afz - allgemeine fleischer zeitung blättert: Der Beyond Burger aus Erbsenprotein erobert Gastronomie und Großhandel in Deutschland. Forscher stellen fest, dass der Mensch schon fast vergnügt zu Heuschrecken und Maden greift, wenn diese als Luxusprodukt beworben werden. Und beim Deutschen Fleisch Kongress, der vergangene Woche in Wiesbaden stattfand, diskutierte die Branche unter anderem über das Fleisch aus der Petrischale, das in der Realität allerdings eher aus industriellen Kraftwerken stammt als aus kleinen Glas-Schälchen im Labor.

Beyond Meat Burger
(Bild: Beyond Meat)

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Der Fleischkonsum der Menschen – in Deutschland und auf der ganzen Welt – wird sich verändern. So viel ist klar. Aber er wird nicht verschwinden. Das sahen auch die Teilnehmer des Kongresses so, darunter Vertreter der großen Fleischvermarkter. Einige von ihnen setzen inzwischen sogar unternehmerisch auf die eine oder andere Fleischalternative. Wiesenhof beispielsweise gleich auf mehrere.

Das Gefügelkontor kooperiert mit Start-ups im In- und Ausland: Beyond Meat (vegane Burger), Good Catch Food (veganer Fisch), SuperMeat (Geflügelfleisch durch Zellvermehrung) und Enterra (Futterzusätze aus Larven). Dass gerade die „Eingefleischten“ Potenzial in diesen neuen Alternativen sehen, zeigt, wohin die Reise geht: Hier entwickelt sich keine Konkurrenz, die das klassische Fleisch vom Markt verdrängt. Vielmehr bereichern diese Trends das Angebot, aus dem der Verbraucher auswählen kann. Eine Chance.
„Der Fleischkonsum der Menschen – in Deutschland und auf der ganzen Welt – wird sich verändern. So viel ist klar. Aber er wird nicht verschwinden.“
Den Hunger der Welt werden Insekten nicht stillen. Die sich entwickelnden Nationen wollen – genau wie bislang die Industrieländer – Fleisch essen, ihren hart erarbeiteten Wohlstand genießen. Aber alle Gesellschaften ändern ihr Konsummuster. Hierzulande hängt das insbesondere mit dem Generationenwechsel zusammen. Für die seit den 1980er Jahren Geborenen stehen Gesundheit und Nachhaltigkeit deutlich mehr im Fokus als bei den Kindern der Nachkriegszeit und des Wirtschaftswunders. Da spielen Moral und artgerechte Tierhaltung eine weitaus größere Rolle.

Für die nachfolgenden Generationen wird es nicht mehr so selbstverständlich sein, Tiere zu töten, um Fleisch zu essen. Das unterstrich auch der Marktforscher und Psychologe Thomas Ebenfeld beim Fleisch Kongress in Wiesbaden: Die jungen Leute wissen, dass ihr Lebensstil – was sie essen und was sie tragen – irgendwie einen Raubbau bedeutet. Für sie ist das Abweichen vom Fleischkonsum, wenn auch nur von Zeit zu Zeit, ein Mitwirken an einer besseren Welt.

Ob Clean Meat nun tatsächlich als „unschuldiges Fleisch“ gelten kann, sei mal dahin gestellt. Schließlich werden die Vorläuferzellen für das spätere Laborfleisch derzeit noch per Stanzbiopsie vom Rind gewonnen. Das wird den Tierschützern wohl auch nicht gefallen. Oder ist die Massentierhaltung in Insektenfarmen artgerecht? Aber da ist einem der nackte Mehlwurm doch nicht halb so nah wie die flauschige Kuh. Der Gedanke wird derzeit noch vernachlässigt. So lange die Nutztierhaltung allerdings derart in der Kritik steht wie gerade jetzt, haben diese Alternativen Zulauf.

Für das Fachgeschäft stellt sich jetzt natürlich nicht gleich die Frage: Grillwurst oder Grillenwurst? Zum einen können sie bei regionalem Rohstoffbezug und sorgsamer Auswahl ihrer Lieferanten mit Nachhaltigkeit und Tierwohl leichter punkten als „die Großen“. Gleichzeitig genießen die Meister ohnehin schon ein größeres Vertrauen, stehen nicht so sehr im Fokus der Kritik. Aber mal quer gedacht: Snacks mit Heuschrecken & Co. können das Catering-Angebot für Experimentierfreudige durchaus aufpeppen. Auch hier gilt also das „Prinzip Wiesenhof“: Keine Angst vor den Alternativen, sondern deren Potenziale nutzen.

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