Kommentar von
Jörg Schiffeler

Fleischindustrie Neue Wege einschlagen und alte Schlachten begraben

Dienstag, 19. Mai 2020
Das Coronavirus hat auch die Fleischwirtschaft in den Würgegriff genommen. Vom systemrelevanten Versorger der Bevölkerung in Krisenzeiten stürzte sie ab zum Prügelknaben der Nation.

Während sich viele Bundesbürger über Lockerungen der Einschränkungen im Kampf gegen die weltweite Pandemie freuen und Gastronomiebetriebe ihre Pforten wieder öffnen dürfen, häufen sich Infektionen mit dem neuartigen Sars-CoV-2-Erreger unter Beschäftigten an Schlachthöfen. Das passt natürlich nicht in die angespannte Gesamtlage, in der zunehmend mehr Menschen im Land vom Urlaub träumen und auf eine weitere schrittweise Abkehr von Beschränkungen des öffentlichen Lebens hoffen. Die Dünnhäutigkeit in Gesellschaft und Politik nimmt zu. Und selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel macht die Infektionsherde in der Branche zur Chefsache. 

Angela Merkel - BU Bundestag Aktuelle Stunde Fleischindustrie
(Bild: imago images / Eibner)

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Fleischindustrie Politik erhöht den Druck

Auf der Suche nach den möglichen Ursachen für eine Ausbreitung von Covid-19 in der Fleischindustrie stoßen die Gesundheitsbehörden vor Ort immer wieder auf die Arbeits- und Wohnsituation der Beschäftigten. Kontaktverbote, wie sie der Gesetzgeber vorsieht, werden einerseits in den Unterkünften nicht ernst genommen, und andererseits seien die Abstandsregeln in den Arbeitsstätten nicht eingehalten worden. So berichten es Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitsdiensts.

Klar ist, dass bei der Erzeugung von Lebensmitteln Sicherheitskleidung getragen wird: Hauben, Mundschutz und Handschuhe sowie Overalls. In einigen Großbetrieben wird sogar unter Reinraumtechnik gearbeitet. Ob der Erreger damit beherrscht werden kann, das müssen Virologen klären.
„Die Fleischwirtschaft muss sich von kargen Löhnen und unwürdigen Unterkünften verabschieden.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Dreh- und Angelpunkt der gegenwärtigen Debatte sind die Unterkunftssituation und damit ebenso die Arbeitsbedingungen. Weil es hierzulande seit Jahren an Personal mangelt, beschäftigen die Unternehmen der Fleischwirtschaft Mitarbeiter im Werkvertrag. Sie stammen oft aus osteuropäischen Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Diese Beschäftigten werden entweder in eigenen Appartements, in Werkswohnungen oder in Sammelunterkünften untergebracht. Oft handelt es sich dabei um sogenannte Schrottimmobilien, die von Schwarzen Schafen zu überzogenen Konditionen vermietet werden. 
Westfleisch Coesfeld
(Bild: imago images / Revierfoto)

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Werkverträge VDF fordert schärfere Gesetze

Werkverträge müssen kein Minenfeld sein. Der Gesetzgeber könnte die damit verbundenen Rechte und Pflichten schärfen, um die Missstände zu beenden. Ob die geplante Abschaffung eine Lösung ist, darf bezweifelt werden. Schließlich benötigen viele Branchen Saisonkräfte und Mitarbeiter auf Zeit. Vor allem lösen weder Direktanstellung noch Werkvertrag den Fachkräftemangel hierzulande.

Nicht nur von den Konzernen Westfleisch und Tönnies ist bekannt, dass sie mehr Menschen direkt in Lohn und Brot nehmen würden. Viele der Fremdarbeiter lehnen das ab. Einerseits, weil sie – es mag grotesk sein – flexibel sein wollen und andererseits, weil die Familie daheim auf das Geld aus Deutschland wartet. Hierin liegt auch eine Krux: Wenn Werkvertragsarbeiter besser entlohnt werden, sparen sie mehr und erhöhen in den seltensten Fällen den Wohnkomfort während ihrer Montagetätigkeit. Mit dem Plus im Portemonnaie wird das Haus in der Heimat schneller bezahlt.
Fleischtheke - BU Mindestpreis
(Bild: dh)

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Tierwohl Preisfrage Fleisch

Egal ob Bauarbeiter, Erntehelfer, Krankenpfleger, Supermarkt-Kassiererin oder Schlachter: Sie alle verdienen höhere Löhne. Die Forderung der Grünen nach einem Mindestpreis für Fleisch ermöglicht das nicht. Wenn Bratwurst und Schnitzel mehr kosten, bedeutet das nicht zwangsläufig mehr Wohl für Menschen und Tiere im Fleischsektor. Der Konsens über eine gesellschaftlich akzeptierte Land- und Ernährungswirtschaft wird immer dringender. Auch die Mittel zum Leben und diejenigen, die sie produzieren, brauchen mehr Wertschätzung. Sind wir dazu bereit? Zu Redaktionsschluss platzte Aldi mit der Nachricht heraus, die Preise für Fleisch und Wurst zu senken. Da hat wohl jemand den Warnschuss nicht gehört.

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