Kommentar von
Renate Kühlcke

Fleischindustrie Vom Buhmann zum Vorreiter

Dienstag, 09. Juni 2020
Der Worst Case ist eingetreten. Während Bundeskanzlerin Merkel von „erschreckenden Nachrichten aus der Fleischindustrie“ spricht, ist Arbeitsminister Heil der Kragen geplatzt und kündigt an, „mit diesen Verhältnissen aufzuräumen“.

Gemeint sind die Werkverträge und Arbeitnehmerüberlassungen, oder genauer das Subunternehmertum in der Fleischwirtschaft, das in noch nicht einmal einem halben Jahr nun verboten werden soll.

Die populistische Schärfe der angekündigten politischen Konsequenzen nach dem gehäuften Auftreten von Corona-Fällen in Fleischbetrieben überrascht, schließlich sind die Arbeitsbedingungen und Löhne am Schlachtband seit Jahren diskussionswürdig. In den 2000er Jahren bekam die Branche Druck vom Zoll. Der versuchte, Werkverträge zu kriminalisieren. Damals wurde jedes Einwirken auf die Vorgänge beim Subunternehmen als unerlaubtes Einmischung interpretiert, das hat das Verhalten der Fleischwirtschaft fortan geprägt.

Vor gut sieben Jahren zeichnete sich dann doch ernsthaft ab, dass neben Themen des Tier- und Verbraucherschutzes das Menschenwohl zu einem Politikfeld und zur Chefsache werden wird. Im Juli 2014 verpflichtete sich die Fleischwirtschaft in einem Verhaltenskodex selbst, soziale Standards bei der Unterbringung ihrer Arbeitnehmer einzuhalten. Ein Jahr später folgte eine weitere Selbstverpflichtung gegen Sozialdumping. Die „Großen“ unterschrieben und der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel sprach von einem „Riesenfortschritt“. 2017 beschloss der Bundestag schließlich das „Gesetz zur Sicherung der Arbeitnehmerrechte in der Fleischwirtschaft“. Damals regierte dieselbe große Koalition.
Schweineschlachtung
(Bild: Ralf Baumgarten / Die Lebensmittelwirtschaft)

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Heute scheint es, als hätte sich die Fleischwirtschaft in den letzten Jahren hinter Feigenblättern versteckt. Ein unzulässiger Generalverdacht, aber die Branche muss sich dem Vorwurf stellen, die „Chefsache Menschenwohl“ nicht aktiv vorangetrieben zu haben. Es ist ihr einfach nicht gelungen, den Beweis anzutreten, dass sie besser ist als ihr Ruf. Vor diesem Hintergrund ist wohl auch der aktuelle Verbandsvorschlag, die bereits seit 2014 geltenden Maßnahmen bundesweit verbindlich einzuführen und hinsichtlich der Unterbringung von Werkvertragsarbeitnehmern zu schärfen, politisch nicht angekommen.

Tatsache ist und bleibt auch nach Corona: Schlachtbetriebe – und nicht nur sie – sind auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen und diese finden sie oft nur über Subunternehmen. Hier gilt es aufzuräumen und die sauberen Akteure aus der Schmuddelecke zu holen, statt Werkverträge generell zu verbieten. Zukunftssicher, das heißt gesellschaftlich akzeptabel, wird dieses System aber nur mit der Ausrichtung auf Wertschätzung. Denn in letzter Konsequenz ist es eine Frage von Anstand und Moral, wie ein Arbeitgeber mit seinen Mitarbeitern umgeht und sich im „neuen Normal“ vom Buhmann zum Vorreiter in der deutschen Wirtschaftslandschaft wandeln kann.

Diesen Kommentar und mehr zum Thema Werkverträge lesen Sie in der kommenden Ausgabe der "Fleischwirtschaft", die am 17. Juni 2020 erscheint.
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