Kommentar von
Renate Kühlcke

Fleischindustrie „Weiter so“ funktioniert nicht

Montag, 19. Oktober 2020
Die Fleischwirtschaft sind viele – gut so, aber sie müssen (miteinander) reden.

Wie wahr, das System Fleischwirtschaft gibt es nicht. Eine Vielzahl einzelner Interessen und Befindlichkeiten bestimmen in der Fleischbranche das große Ganze, auch – oder besser – gerade, wenn es um das leidige Thema Kommunikation geht. Die einen beklagen, nicht gehört zu werden, die anderen fühlen sich missverstanden. Und nicht zu vergessen die Gruppe der sich benachteiligt Fühlenden. Richtig ist: Die Fleischbranche mit ihren Spielarten Industrie und Handwerk und ihren Zahnrädern der Gewerke Schlachten, Zerlegen, Verarbeiten, Handel ist erklärungsbedürftig. Aber nicht erst seit Corona.

Das Ansehen der deutschen Fleischwirtschaft ist im Keller. Die öffentlichen und politischen Debatten sind seit Jahrzehnten geprägt von plakativen Aussagen und getrieben von Ideologien. Die Trugbilder von stämmigen Metzgern in blutgetränkten Kitteln, Sklaven am Schlachtband und Produkten, die sich bald niemand mehr mit gutem Gewissen zu essen traut, bedienen ideal das klassische Gut-und-Böse-Schema. Mit der gerade politisch aktuell fatalen Folge, dass mit zunehmend schlechter Reputation der öffentliche Wunsch nach politischer Kontrolle um so stärker ist.

Es liegt über zehn Jahre zurück, dass Göttinger Wissenschaftler Verbände und Unternehmer aufforderten, in die Kärrnerarbeit Kommunikation personelle und finanzielle Ressourcen zu stecken und die strategische PR-Arbeit zur Chefsache zu erklären. Denn Reden sei Silber und Schweigen Schrott. Erfolg hatte der Appell keinen, bis heute verhält sich die Branche lieber passiv abwartend. Derweil ist die Distanz zwischen Gesellschaft, Politik und Fleischwirtschaft weiter gewachsen, was eine dringend angesagte Kommunikationstrategie nicht einfacher macht.

Die öffentliche Aufmerksamkeit und der Rechtfertigungsdruck werden in den kommenden Jahren mit verlässlicher Wahrscheinlichkeit wachsen. Dafür werden NGOs und Medien schon Sorge tragen. Es gibt – von der Tierhaltung über den Klima- und Umweltschutz bis hin zur Ernährung – einfach zu viele gesellschaftliche Baustellen, an denen die Fleischer Anteil haben. Genau hier liegen aber die Stellschrauben, wo ja auch schon zukunftsorientiert gestaltet wird. Wahrgenommen wird das aber bestenfalls in den eigenen Reihen.

Ein „Weiter so“ darf es nicht geben, das sollte konsensfähig und der kleinste gemeinsame Nenner aller mit Fleisch Arbeitenden sein, egal ob Klein-, Mittel- oder Großbetrieb. Ziel muss sein, dass mehr mit der Branche geredet wird als über sie. Ein grundlegender Kommunikationswandel tut also not. Dabei darf die Akzeptanz aller Produktionsstufen nicht in Frage stehen, ansonsten werden Qualitätsprogramme und Labels wertlos. Alle Branchenbeteiligten müssen gemeinsam definieren, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen wollen, mit Kritikern reden und aktives Themenmanagement betreiben.
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