Kommentar von
Michael Weisenfels

Fleischindustrie Zurück in die Zukunft?

Donnerstag, 16. Juli 2020
Eine Abkehr vom Massenmarkt für Fleisch gibt es nur, wenn alle Gruppen mitziehen.

Seit Monaten und in vielen Bereichen zeigt das Coronavirus brutal auf, wo es eine Schieflage und dementsprechend Verbesserungsbedarf gibt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Probleme mit der unzureichenden Digitalisierung in Deutschland durch nicht flächendeckende Netzabdeckung, ungenügende Ausstattung und hinterherhinkende Investitionen sind glasklar zu Tage getreten und haben sich in vielen Unternehmen als „harte Landung“ dargestellt.

Nach dem gehäuften Auftreten von Corona-Fällen vornehmlich in großen Schlachtbetrieben müssen sich die Fleischverarbeiter Fragen nach den Arbeitssituationen in ihren Betrieben sowie den Wohnverhältnissen ihrer Mitarbeiter gefallen lassen. Neu sind diese Punkte nicht, denn die soziale Schieflage bei Arbeitsbedingungen und Löhnen am Schlachtband sind seit Jahren diskussionswürdig. Nun hat das Coronavirus wie ein Katalysator Reaktionen in Gang gesetzt, die unterschwellig schon längst brodelten.

Um es klar zu sagen: Der Brandstifter ist nicht der Werkvertrag, der vom Gesetzgeber vor vielen Jahren mit Bedacht geschaffen wurde und ein durch und durch legales Instrument am Arbeitsmarkt ist. Er hilft saisonale Produktionsschwankungen abzufangen und trägt sogar direkt zur Nachhaltigkeit bei, denn ohne ausreichend Personal in der Verarbeitung würde zum Beispiel ein Großteil landwirtschaftlicher Produkte schlicht verderben. Auch in der Automobilwirtschaft, in der Betreuung und Gebäudeverwaltung oder im Gesundheitswesen sind Werkverträge eine häufig genutzte, oft alternativlose Vertragsform – in diesen Bereichen stehen sie im Augenblick allerdings nicht im Fokus.

Alles andere als neu ist auch die Erfahrung, dass Beschäftigungssysteme, die auf Subunternehmer setzen, regelmäßig für Ärger in Unternehmen sorgen – und das nicht allein im Fleischsektor. Die von den Finanzbehörden eingesetzten Kontrollbeamten gegen Schwarzarbeit und die Gewerkschaft wissen vieles über die teilweise kriminelle Fantasie einzelner Unter-Dienstleister und ihrer Kunden zu berichten. Deshalb sind Bestrebungen, das Sub-Sub-Unternehmertum zu beenden, ein nachvollziehbares und überfälliges Gebot der Stunde, damit die Öffentlichkeit – und die Verbraucher – überhaupt wieder Vertrauen in die Fleischbranche fassen können. Das von der Bundesregierung geplante generelle Verbot von Werkverträgen schießt aber übers Ziel hinaus, denn es wird die Personalnot verschärfen und keinen Einfluss auf die positive Entwicklung der Löhne haben.

Eine Möglichkeit, zu früheren – jetzt wieder wünschenswert erscheinenden – dezentralen Strukturen zu kommen, wäre nach Ansicht der Grünen ganz einfach durch die Zerschlagung großer zentralisierter Standorte zu erreichen. Neu ist auch diese Idee nicht. Es existieren aus alten Zeiten durchaus noch regionale Schlachthofstrukturen. In erster Linie waren es aber ausgerechnet die Kommunalpolitiker und Ratsmitglieder, die die städtischen Schlachthöfe wegen fehlender Wirtschaftlichkeit fallen ließen. Dass an dem wachsenden Bürokratieaufbau die von deutscher Seite angestrebte perfekte Umsetzung des EU-Hygienepakets ein Übriges zur Konzentration der Schlachtstätten beitrug, sei nur am Rande bemerkt.

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Strukturen „wie früher“ hätten auch eine „Versorgung wie früher“ zur Folge. Das bedeutet die Abkehr von Fleisch als Massenartikel hin zu dem, was es einmal war: ein Sonntagsbraten. Ein Stück Lebenskraft, das man sich nicht täglich leisten konnte, weil es kostete, was es wert war.

Ob dieses Szenario dem Lebensmittelhandel gefallen würde? Die gern hinten im Verkaufsraum platzierte Fleischabteilung verlöre ihre Funktion als Kundenmagnet, die berüchtigten „Schweinebauchanzeigen“ hätten keine Daseinsberechtigung mehr und der Handel weniger Möglichkeiten, sich preisaggressiv zu präsentieren – was aber ja offenbar besonders gut bei Verbrauchern ankommt. Und nun? Realistischerweise können Strukturen in der Fleischbranche nur nachhaltig umgestaltet werden, wenn alle Stufen von der Erzeugung bis zum Verbraucher mitziehen. Das ist ein langwieriger, arbeitsreicher Prozess, der nicht nur politisch gewollt werden muss.
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