Kommentar von
Jörg Schiffeler

Fleischkonsum Warum weniger nicht tragisch, sondern sogar besser ist

Dienstag, 27. März 2018
Wir Bundesbürger essen weniger Fleisch. Die Portionen auf deutschen Tellern werden kleiner. Diese Meldung bescherte unserer Online-Edition fleischwirtschaft.de in den vergangenen Tagen jede Menge Zugriffe.

Die neuesten Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) aus einer vorläufigen Datenanalyse bringen eingefleischte Steakfreunde und Anhänger fleischfreier Alternativen nicht aus der Ruhe. Auch an der Front der Umwelt- und Verbraucherschützer blieb es diesmal erstaunlich ruhig. 

Schweinefleisch - Gulasch
(Bild: Pixabay)

Mehr zum Thema

Fleischkonsum Deutsche essen immer weniger

Sind die Zeiten vorbei, in denen uns vorgerechnet wurde, wie viel Gramm pro Woche uns selbst und der Umwelt zuzumuten sind? Ich glaube eher, dass sich inzwischen ein Gesinnungswechsel vollzogen hat. Weniger ist mehr. Den Grundstein dafür legten intensive gesellschaftspolitische Debatten um die Ernährung und die Wertschätzung der Mittel zum Leben. Dafür haben viele Gruppen wie Landwirte und Fleischer mit Worten gekämpft und zahlreiche Initiativen gestartet – von der kleinen Lösung in der Region bis zum flächendeckenden Markenprogramm.

Parallel entfaltet der Hype ums Barbecue und die edlen Cuts von Rind, Schwein und Lamm eine neue Leidenschaft für außerordentliche Fleischqualitäten. Zu den Gewinnern wollen nicht nur die Kunden gehören, sondern vorgelagert landwirtschaftliche Betriebe, Fleischer-Fachgeschäfte, Supermärkte und Discounter. Das gefällt nicht jedem, auch wenn die ganze Kette der Fleischwirtschaft von der Erzeugung über die Gewinnung, Verarbeitung und Vermarktung von dieser Entwicklung profitiert.
„Die Angebotspolitik des Lebensmittelhandels mit Bergen von Braten, Gulasch, Steaks und Wurst degradiert die Initiative Tierwohl.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Der Lebensmittelhandel gerät hier besonders unter Druck: von Meisterbetrieben und Verbrauchern. Um die Kunden in die Läden zu locken, vergeht keine Woche ohne „Knüllerangebote“ die Berge von Braten, Gulasch, Steaks und Wurst zeigen. Diese Angebotspolitik degradiert die Teilnahme an der Initiative Tierwohl zum Feigenblatt. Denn mehr Platz im Stall, also weniger Tiere auf dem Quadratmeter, mehr Beschäftigungsmaterial, Unversehrtheit von Ringelschwanz und Geschlecht gibt es nicht zum Nulltarif.

In der Gesellschaft der Bundesrepublik besteht Konsens darin, die regionale Erzeugung von Lebensmitteln zu fördern, das Tierwohl deutlich auszubauen und beim Verbrauch Maß zu halten. Leicht gefordert, denn gleichzeitig ist die Sicherung der Ernährung zu marktgerechten Preisen ein Muss. Schließlich sollen Grundnahrungsmittel, also Brot, Fleisch, Gemüse, Milch und Obst für alle Bevölkerungsschichten erschwinglich sein, weil das den sozialen Frieden mit sichert. Blenden wir an dieser Stelle aus, welch große Aufgabe die ehrenamtlich organisierten Tafeln in unserem Land dazu beitragen.

Ziel muss es also sein, beste Fleischqualitäten aus bester, artgerechter Tierhaltung zu fairen Preisen und Löhnen zu produzieren. Dafür müssen wir noch eine Menge – auch Überzeugungsarbeit – leisten. Fleisch muss wertvoll sein für die Ernährungsphysiologie und darf nie wieder zum Statussymbol werden. Wir liegen richtig, wenn wir unseren Pro-Kopf-Verzehr korrigieren. Das funktioniert jedoch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Wir tun gut daran, ein Beispiel dafür zu liefern, dass Weniger ein deutliches Mehr für alle sein kann. Und erfinden muss man das auch nicht neu, denn noch gibt es regionale Wirtschaftskreisläufe. Sie zu nutzen und damit zu bewahren ist eine Herausforderung, die jeder Konsument ein Stück weit selbst durch sein Einkaufsverhalten beeinflussen kann.

Die Weltbevölkerung wächst unaufhaltsam. Die Ernährungssicherung bleibt eine große Aufgabe, weshalb ein verminderter Fleischverbrauch nicht automatisch zu einem Produktionsrückgang führt. Deutschland hat die Pflicht sich einzubringen, aber mit Lösungen, die die Umwelt nicht belasten und den Einsatz von Antibiotika weiter minimieren.

Das könnte Sie auch interessieren
stats