Kommentar von
Jörg Schiffeler

Fleischwirtschaft Wer Haltung zeigt, gewinnt Vertrauen

Montag, 30. April 2018
Wohin steuert die Fleischwirtschaft und wie sieht der Schweinestall der Zukunft aus?

Diese Fragen stammen nicht von mir, sondern vom Präsidenten des Thünen-Instituts, Prof. Dr. Folkhard Isermeyer. Er richtete sie an die Vertreter von BVDF und VDF, die zwei Tage gemeinsam in München tagten.

Neben den Regularien widmeten sich die Vertreter aus den Schlacht- und Zerlegebetrieben sowie den Fleischverarbeitern den Brandthemen: gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung, Tierwohl-Label, Haltungskennzeichnung, Afrikanische Schweinepest, Sicherheit von Rohwurst sowie dem Export. Ein breites Spektrum, in dem die Fleischer bis auf den Welthandel ebenso zu Hause sind.

Nicht auf den Tagesordnungen fand sich das bevorstehende Aus der betäubungslosen Kastration von Ferkeln zum Jahresende. Die Zeit drängt, denn in Kürze kommen die Tiere zur Welt, die im Januar geschlachtet werden. Hier ist die Branche scheinbar nicht weiter gekommen, als ich es seinerzeit zum Deutschen Fleisch Kongress kommentierte: Über das Thema wird nicht öffentlich gesprochen, weil es „Skandalisierungspotenzial“ in sich trägt. Man ist froh, wenn es die Politik richtet und der „vierte Weg“ endlich näher rückt.

„Wofür stehen die Unternehmen? Welche Ansprüche stellen sie an ihre Lieferanten und an die Rohstoffe? Welche an Rind, Schwein und Geflügel? Und welchen Stellenwert haben die Mitarbeiter?“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Die Fleischwirtschaft wird Haltung zeigen müssen. Wofür stehen die Unternehmen, die in aller Regel von persönlich haftenden Gesellschaftern geführt werden? Welche Ansprüche stellen sie an ihre Lieferanten und an die Rohstoffe? Welche an Rind, Schwein und Geflügel? Und welchen Stellenwert haben die Mitarbeiter – eigene und Beschäftigte im Werkvertrag?

Mit Blick auf die Produktvielfalt reicht es nicht mehr aus, allein die Wünsche des Lebensmitteleinzelhandels zu bedienen. Auch der Endkunde – also der Verbraucher – möchte direkter angesprochen werden. Hier beteuern die Verbände, dies sei Sache der einzelnen Mitglieder. Dabei haben sich Teile der Branche zu einer Interessenvertretung zusammengefunden, also muss es auch eine gemeinsame Linie geben.

Wie sieht diese aus in Bezug auf Haltungskennzeichnung und Tierwohl-Label? Viele Verbraucher wünschen sich mehr Klarheit beim Einkauf von Lebensmitteln. Von einem Siegel versprechen sie sich eine Information über Qualitätskriterien, die bei der gezielten Auswahl helfen sollen. Wie sehen das die Hersteller?
BVDF / VDF 2018
(Bild: jus)

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In München war dazu nicht viel zu vernehmen. Dabei stellen die Verbands- und Unternehmensvertreter das Tierwohl überhaupt nicht zur Diskussion. Mögliche Modelle präsentierten Thünen-Institut und die Brancheninitiative Tierwohl. Tenor: Die Regierung muss Orientierung schaffen. Ist das zeitgemäß? Toll, wenn wir den Politikern Vertrauen schenken. Aber ist das nicht naiv?

Ist es nicht sinnvoller den Volksvertretern Vorschläge zu unterbreiten? Das beschleunigt den dringend notwendigen Meinungsbildungsprozess, damit der gemeinsame Nenner größtmöglich wird. Außerdem schützt diese Vorgehensweise idealerweise vor völlig inakzeptablen Verordnungen, und zusätzlich gibt die Fleischwirtschaft ein Bekenntnis ab, wofür sie steht.

Wer Haltung zeigt, gewinnt Vertrauen, bringt sich ins Gespräch. Das ist notwendiger denn je, weil der Ruf der Lebensmittelhersteller ausbaufähig ist. Auch wenn unsere Nahrungsmittel so sicher sind, wie nie zuvor: Paradoxerweise misstrauen die Bürger den Produzenten trotzdem. Vertrauen erarbeiten und damit gleichzeitig das Image stärken, ist die Devise. Wer spricht stellvertretend für die Fleischwirtschaft in der Öffentlichkeit und bezieht Stellung, wägt Für und Wider ab?
Containerschiff - Pixabay
(Bild: Pixabay)

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