Kommentar von
Sandra Sieler

Frische Forum Fleisch Gerechter Stolz braucht eine solide Basis

Dienstag, 24. Januar 2017
Wir müssen wieder stolz sein auf das, was wir tun. Das wünschten sich Fleischerpräsident Dohrmann und Fleischmagnat Tönnies beim Frische Forum in Berlin unisono.

Dieser Wunsch fällt in eine Zeit, die hierfür besser nicht sein könnte: Parallel zur wachsenden Zahl der Vegetarier und Veganer – die immer noch den kleinsten Teil der Bevölkerung ausmachen – wächst eine neue Begeisterung für Fleisch in seiner schieren Form und für das Handwerk, das sich diesem erlesenen Genuss widmet. Die wachsende Zahl an Grillseminaren und Zerlegekursen im Fleischerhandwerk unterstreicht das. Zeitgleich stellt der Kunde die Frage nach einer artgerechten Tierhaltung und fairen Arbeitsbedingungen. Hier haben Landwirtschaft wie Fleischwirtschaft noch offene Flanken.

Einige Kunden suchen inzwischen das Besondere, das sich abhebt vom Einheitsbrei der Angebote in Supermarkt und Discounter. Und es gibt viele tolle Beispiele, die diese neuen Ansprüche erfüllen. Viele Metzger beschäftigen sich inzwischen nicht nur mit dem Endprodukt, sondern auch mit seinem Werdegang. Zu einem exquisiten Stück Fleisch gehören dann auch spezielle Rassen, eine besondere Fütterung, Ställe mit Stroh statt nackten Spaltenböden und frischer Luft statt hermetisch abgeriegeltem Stallmief.

All dies sind Anfänge, dem Technisierten und Anonymen der Massenware im Supermarktregal entgegenzutreten. Wichtige Anfänge auf der grünen wie der roten Seite. Aber sie allein werden das Ruder der Landwirtschaft und der Überproduktion nicht herumreißen. Das geht auch gar nicht. Wir können nicht flächendeckend zurück zum Bauernhofidyll. Das wird der Verbraucher irgendwann auch akzeptieren. Und zwar dann, wenn er versteht, warum die Realität heute so aussieht wie sie aussieht. Doch das erfordert zunächst einen gemeinschaftlichen Kraftakt aller Glieder der Wertschöpfungskette. Damit der Konsument am Ende dieser Kette wieder Anerkennung für die Leistung der Land- und Ernährungswirtschaft empfindet, muss sich als erstes das Leitbild der Branchen ändern. Nicht allein die Gewinnmaximierung zählt. Aspekte wie Tierwohl, Ressourcenschonung und andere Wechselwirkungen mit Mensch und Umwelt gehören als feste Größen mit auf die Rechnung. „Etwas an die Zukunft zurückgeben“, so brachte es der Branchen-Youngster Harm Böckmann, Macher des Supermeatboy, im Frische Forum auf den Punkt.

Grünewoche 2017 - Frische Forum Fleisch - Podium
(Bild: Felix Holland)

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Um den Verbraucher medial überhaupt zu erreichen, erfordert es außerdem eine ehrliche und verständliche Kommunikation. Eine, die erklärt, warum beispielsweise die Ställe heute größer sind und das nicht gleichzeitig zum Nachteil der Tiere ausfällt. In ihrer Sprache muss sich die Wirtschaft wieder dem Bürger annähern und ihn mit ihrer Geschichte dort abholen, wo er einst stehen blieb. Ein wichtiger Schritt dabei ist es, die Stalltüren zu öffnen sowie gleichzeitig die der Schlachtung und der weiteren Verarbeitung. Lange genug haben sich die Fleisch- wie auch die Landwirtschaft weggeduckt. Wer ordentlich arbeitet, hat aber keinen Grund dazu.

Die neue Ehrlichkeit nimmt den Handel ebenfalls in die Pflicht. Die großen Ketten dürfen mit ihren Eigenmarken nicht weiter das romantische Bild der Fleischerzeugung zeichnen und damit das längst überholte Idyll in den Köpfen noch fester zementieren.
„Damit der Konsument am Ende der Kette wieder Anerkennung für die Leistung der Land- und Ernährungswirtschaft empfindet, muss sich als erstes das Leitbild der Branchen ändern. Nicht allein die Gewinnmaximierung zählt, Aspekte wie Tierwohl, Ressourcenschonung und andere Wechselwirkungen mit Mensch und Umwelt gehören als feste Größen mit auf die Rechnung.“
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Letztlich brauchen alle – die Bauern genau so wie die Metzger und die Fleischindustrie – noch eine Politik, die die Transformation nicht nur fordert, sondern auch fördert. Der Prozess der Erneuerung darf aber nicht von außen übergestülpt sein, er sollte von innen kommen.

Bewegen muss sich am Ende jeder selbst. Viele Unternehmen aus dem Fleischerhandwerk und der -industrie tun das bereits, in kleineren Projekten oder mit Hilfe eines abgestimmten und übergreifenden Leitbilds. Sie machen sich zunehmend Gedanken um das nachhaltige Wirtschaften. Es braucht eben erst mal etwas, auf das man stolz sein kann, und das muss man sich erarbeiten.

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