Kommentar von
Jörg Schiffeler

Image Die Fleischwirtschaft bleibt auch in der Corona-Krise angreifbar

Dienstag, 05. Mai 2020
Die Medien nehmen Fleisch und seine Erzeugung allzu gern unter die Lupe. Am Ende der meisten Berichte über den Sektor ist ein negativer Tenor zu bilanzieren. Das hat sich trotz vieler Anstrengungen in den vergangenen Jahren kaum verändert. Wieso schafft es die Branche nicht, Stoff für mehr positive Schlagzeilen an Medienmacher zu transportieren?

Das sensible Thema Lebensmittel, und insbesondere Fleisch, steht unter besonderer Beobachtung – und dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen, die allesamt kaum in einen Kommentar gepackt werden könnten. Lassen wir deshalb die Umweltaktivisten und Fleischverächter außen vor. Die Zivilgesellschaft hakt heutzutage nach und möchte wissen, wie es mit dem Tierwohl im Stall aussieht. Warum? Weil vielerorts ganz unterschiedliche Anlagen für die Tierhaltung anzutreffen sind. Auch interessiert viele Menschen, wie ernst der Tierschutz bei der Schlachtung genommen wird. Immer wieder flimmern Filmsequenzen in Fernsehen und Internet über den Bildschirm, die entweder nicht gesetzeskonform sind oder von Teilen der Gesellschaft hinterfragt werden. Hinterfragt werden auch die Arbeitsbedingungen an Schlachthöfen, in der Fleischverarbeitung und in der Metzgerei – nicht nur von Gewerkschaften.

Die Fleischbranche stellt sich vielen Herausforderungen. Insbesondere beim Tierwohl wurden viele Fortschritte erreicht, denn alle Unternehmen wissen: Beste Qualität setzt auch beste Eigenschaften beim Rohstoff voraus. Dennoch gibt es unterschiedliche Stufen der Tierhaltung und verschiedene Produktqualitäten. Das Schwein oder Rind, das für die Verarbeitung sein Leben lassen musste, interessiert sich aber nicht für die Einteilung in Premium- oder Discountware. Genau hier liegt das Problem, das Angriffsfläche bietet.

Der vom Gesetzgeber eingeführte Sachkundenachweis in der Schlachtung war ein wichtiges politisches Zeichen, um die Bedeutung des Tierschutzes zu untermauern. Auch wenn den Unternehmen, egal ob Großschlachter oder Handwerksbetrieb, diese zusätzliche Prozedur zunächst lästig war, trägt die Branche diese Pflicht mit. Einzelne Unternehmen führten eine Kameraüberwachung ein, um die korrekte Handhabung zu kontrollieren. Weshalb Videoaufzeichnungen nun wegen datenschutzrechtlicher Bedenken nicht verpflichtend werden, muss dringend geklärt werden.
Videoüberwachung
(Bild: minzpeter / fotolia.com)

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Videoüberwachung Vorerst keine Pflicht in Schlachthöfen

Die Arbeits- und Wohnbedingungen von Leiharbeitern bleiben ein Minenfeld, obwohl sich die Fleischwirtschaft im Juli 2014 einen freiwilligen Verhaltenskodex gab. Mit der Vereinbarung verpflichten sich die Betriebe zur Einhaltung sozialer Standards, insbesondere im Bereich der Unterbringung Beschäftigter aus anderen EU-Mitgliedstaaten. Die aktuellen Nachweise des Coronavirus bei Mitarbeitern von Subunternehmen, die für die Schlachter Müller, Vion und Westfleisch tätig sind, rücken die oft engen Unterkünfte in den Fokus. Das kann niemandem im Sektor egal sein, auch wenn alle Gesetze eingehalten werden. Schließlich neigt die Öffentlichkeit nicht zur Differenzierung komplexer Sachverhalte. 
„Das sensible Thema Lebensmittel, und insbesondere Fleisch, steht unter besonderer Beobachtung. Zeigen Sie doch, wer Sie sind und was Sie alles tun!“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Journalisten und Influencer lassen sich begeistern, beispielsweise durch Genussspezialisten, die mit ihren Künsten auf glühenden Rosten Appetit auf das wertvolle Lebensmittel Fleisch machen. Auch Porträts von Fleischsommeliers sind willkommener Lesestoff. Der Handwerksmetzger vom Dorfplatz oder aus dem Stadtviertel mit eigener Produktion genießt in der Öffentlichkeit einen anderen Stellenwert als der Boss aus der Fleischindustrie, der ebenso systemrelevant für die Herstellung von Fleisch, Fleischwaren und Wurst ist. Zeigen Sie doch, wer Sie sind und was Sie tun!
Schweinefleisch - Zerlegung - BU E & Z
(Bild: jus)

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Image Branche bleibt Prügelknabe

Diese Woche stand die gemeinsame Arbeitstagung vom Verband der Fleischwirtschaft (VDF) und dem Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie (BVDF) auf der Agenda. In Zeiten der Pandemie kann der Branchentreff nicht stattfinden. Im letzten Jahr ging man mit der Aufgabe auseinander die Kommunikation zu intensivieren. Eine gute Entscheidung.
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