Kommentar von
Jörg Schiffeler

Image Die Zeichen der Zeit lassen keine Schlupflöcher zu

Dienstag, 08. Dezember 2020
Protestierende Bauern vor den Lagern des Handels prägen das Bild der Öffentlichkeit ebenso wie Aufnahmen aus dem Schlachthof.

Ganz schön was los in der Fleischwelt, wenn auch nicht auf den ersten Blick. Das große Augenmerk der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung konzentriert sich auf das Corona-Geschehen, und doch spielte die neuerliche Ausbreitung des Virus an Schlachthöfen in Vilshofen, Weißenfels und andernorts kaum eine Rolle in den Medien.

Ganz anders gestaltet sich das Interesse nicht nur der Journalisten an den Vorwürfen der Soko Tierschutz im Fall des Biberacher Schlachthofs. Hier soll es mutmaßlich zu Verstößen gegen den Tierschutz gekommen sein. Diese Folgerung erschließt sich zumindest aufgrund der Filmaufnahmen, die unter anderem die ARD und der Südwestrundfunk ausstrahlten. Dazu kommt, dass eine Behörde nicht grundlos einen Betrieb schließt. Ganz aus dem Häuschen waren da die breite Öffentlichkeit, die Fachwelt und die Betroffenen – aus jeweils einer anderen Perspektive.

Deutschlands erster Fleischer im Staate, Herbert Dohrmann, nutzte den zweiten Adventssonntag für eine Botschaft zu Nikolaus, ohne den Knecht Ruprecht zu geben. Schließlich bleibt abzuwarten, was sich von den erhobenen Vorwürfen bestätigt. Für den DFV-Präsidenten gibt es beim Thema Tierschutz keine Kompromisse, weshalb er erneut einen Appell an die Betriebe des Fleischerhandwerks richtete.
DFV - Dohrmann
(Bild: DFV)

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Tierschutz Dohrmann appelliert an Kollegen

Das scheint auch geboten. Vielerorts entsprechen die baulichen Voraussetzungen von einstmals nicht mehr den aktuellen Gesetzesanforderungen, und die sachgemäße Betäubung muss immer wieder überprüft werden. Dieser Arbeitsvorgang ist eine der sensibelsten Tätigkeiten überhaupt. Allein der Verdacht, dass dabei etwas nicht nach Tierschutz-Schlachtverordnung läuft, hat verheerende Folgen – insbesondere dann, wenn Videoaufzeichnungen getätigt wurden und den Weg in die Öffentlichkeit finden. Lassen Sie Ihren Schlachtbetrieb im Zweifel von Experten auf Schwachpunkte überprüfen. Als verantwortlicher Meister, der nicht selbst schlachtet, kontrollieren Sie auch Ihren Lieferanten oder Dienstleister. Das ist die schmerzhafte Lehre aus dem Fall Gärtringen.

Ganz bestimmt werden alle Diskussionen um die Arbeit der Soko Tierschutz im Sand verlaufen, wenn es keine Angriffspunkte und falsche Verdächtigungen mehr gibt. Die Tätigkeit der Organisation darf man in unserer freiheitlichen Demokratie hinterfragen und den Zweck in Frage stellen. Es sollte allen Kritikern aber auch klar sein, dass der Verein bisher für die Medien als seriöse Quelle gilt. Wie die Soko arbeitet, das erfahren Sie im Interview.
Soko Tierschutz - Friedrich Mülln
(Bild: Soko / Mülln)

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Interview „Die Betäubung ist problematisch“

Ganz aus der Haut gefahren sind die Landwirte, denen die Rabattaktionen der Lebensmittelhändler so gar nicht schmecken. Aus Bauernperspektive sind Milch und Fleisch einfach zu billig. Daran ändert auch der Geldregen der Schwarz-Gruppe (Kaufland, Lidl) nichts. Der Neckarsulmer Handelskonzern möchte der Initiative Tierwohl im nächsten Jahr 50 Mio. Euro für notleidende Tierhalter zur Verfügung stellen. Bauernpräsident Joachim Rukwied reagiert zurückhaltend. Schließlich kämpfen die Erzeuger unserer Mittel zum Leben für mehr Wertschätzung und fordern deshalb ein Ende der „Dauerniedrigpreiskultur“. Wie sonst sollen immer neue Anforderungen aus Gesellschaft und Politik an das Bestellen von Äckern und an die Haltung von Rindern, Schweinen und Geflügel erfüllt werden?
Geldscheine - pixelio - BU Kritik Lidl-Offerte
(Bild: Andreas Hermsdorf / pixelio.de)

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Tierwohl Keine Euphorie über Lidl-Geldgeschenk

Ganz und gar nicht von der Agenda verschwunden ist das Arbeitsschutzkontrollgesetz. Nachdem sich nun Union und SPD auf einen Kompromiss einigten, ist mit der Lesung im Bundestag ebenso zu rechnen wie mit der Befassung durch den Bundesrat. Das geplante Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit zeigt bereits erste Effekte: Die größten Fleischkonzerne des Landes integrieren die bisher externen Belegschaften und entschärfen den Konflikt vom Corona-Sommer 2020. Die Industrieverbände setzen dagegen noch immer auf Ausnahmen vom Gesetz. Es bleibt also spannend.
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