Kommentar von
Monika Mathes

Karriere Nur wer das Handwerk kennt, erkennt seine Schönheit

Dienstag, 16. April 2019
Die Zahl derjenigen, die eine Ausbildung begannen stieg im Lehrjahr 2017/2018 an. Doch im Fleischerhandwerk mangelt es noch immer an passenden und engagierten Bewerbern.

Der jetzt von Ministerin Anja Karliczek vorgelegte Berufsbildungsbericht 2019 beginnt mit einer recht allgemein gehaltenen Lobeshymne: Die berufliche Bildung sei ein beneidenswerter Schatz, entfalte Talente, eröffne jungen Menschen Chancen, den für sie passenden Lebensweg einzuschlagen, und stellt hervorragende Aufstiegsmöglichkeiten in Aussicht. Alle Argumente sind zweifelsfrei richtig. Und die mit vielen Zahlen unterfütterte Bilanz wirkt auf den ersten Blick verheißungsvoll: Im Lehrjahr 2017/2018 stieg die Zahl derjenigen, die eine Ausbildung begannen.

Die Kehrseite der Medaille kennt das Fleischerhandwerk nur allzu gut: Viele seiner freien Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt. Passende und engagierte Bewerber = Fehlanzeige. Der demografische Wandel lässt die Azubi-Zahl zusätzlich zusammenschmelzen. Und junge Flüchtlinge kommen eher in der Gastronomie oder im Pflegebereich unter als bei den Metzgern.

Der Karliczek-Bericht untermauert diese Fakten so: Knapp 58.000 freien Lehrstellen stehen 24.500 unversorgte Jugendliche gegenüber. Jeder dieser jungen Menschen hätte quasi die Wahl zwischen zwei Ausbildungsplätzen. Grundsätzlich unterscheiden die Experten aus dem Bildungsministerium zwischen Ausbildungsberufen mit Besetzungsproblemen – zu ihnen gehören Lebensmittelgewerke, Gastronomie und Reinigungsberufe – und solchen mit einem Bewerberüberschuss wie im Mediensektor oder bei kaufmännischen Berufen. Da wird schnell klar, dass es nicht ganz so einfach ist, Angebot und Nachfrage auf dem Lehrstellenmarkt optimal und regionenübergreifend in Einklang zu bringen. In Südbayern, im Münster- oder Emsland gibt es damit kaum Probleme. Dort unterschreiben die meisten Jugendlichen einen Lehrvertrag in ihrem Wunschberuf.

„Eines der Ziele der Ministerin heißt deshalb, jungen Menschen weniger bekannte Alternativen zum Wunschberuf aufzuzeigen, die ihrer Neigung, Eignung und Leistungsfähigkeit entsprechen. Wie das gehen soll, bleibt unbeantwortet. “
Monika Mathes, afz-Redakteurin
Im Nordosten oder im Ruhrgebiet hapert es daran, den Traumjob mit der rauen Realität der tatsächlich vorhandenen Angebote zu vereinbaren. Eines der Ziele der Ministerin heißt deshalb: jungen Menschen weniger bekannte Alternativen zum Wunschberuf aufzuzeigen, die ihrer Neigung, Eignung und Leistungsfähigkeit entsprechen. Wie das gehen soll, bleibt unbeantwortet. Bereits im vergangenen Dezember hatte Karliczek 2019 zum „Jahr der Berufsausbildung“ ausgerufen – mit dem Ziel, die berufliche Bildung zu modernisieren und die Beratung zu verbessern. Die größte Dringlichkeit sieht sie allerdings für Gesundheits-, Pflege- und Erziehungsberufe. Ob die Lebensmittelgewerke profitieren werden, bleibt abzuwarten.
DFV - Ausbildung - Fachverkäufer
(Bild: DFV)

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Das Fleischerhandwerk verlässt sich längst nicht mehr auf Hilfe von außen. Rührige Innungen und Ausbilder aus Leidenschaft haben erkannt, dass junge Leute nur mit Eigeninitiative, Geduld und in vielen kleinen Schritten gewonnen werden können. Der Auftritt auf Lehrlingsbörsen, bei dem im Idealfall Azubis mitwirken, die Information durch Lehrlingswarte vor Ort in den Schulen, Schnupperpraktika, die Appetit auf eine Ausbildung machen, oder die empathische Ansprache potenzieller Kandidaten sind zwar mühsam, aber zielgerichteter und langfristiger angelegt als das erklärungslose Verteilen von Flyern.

Mitgliedsbetriebe der Innung Lörrach setzen auf junge Nachwuchskräfte aus Italien. Unterstützung bekommen sie von ihrer Handwerkskammer, die Deutschkurse organisiert, aktiv vermittelt und die Finanzierung auslotet. Auf einer von der Kammer initiierten Informationsreise streckten Ausbilder aus dem Fleischerhandwerk jetzt sogar persönlich ihre Fühler aus. Der Blick über Landesgrenzen hinweg kann zielführend sein. Wer dort fündig wird, benötigt hohe soziale Kompetenz und sollte bedenken: Es dauert trotz vorbereitenden Trainings eine gewisse Zeit, bis die Sprachbarriere fällt. Außerdem bedürfen die Azubis einer sehr intensiven Betreuung, brauchen Hilfe bei der Wohnungssuche und manchmal sogar Familienanschluss.
 Informationsreise Kammer Freiburg
(Bild: mkt)

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