Kommentar von
Renate Kühlcke

Kostendruck Mit dem Rücken an der Wand

Freitag, 13. Dezember 2019
Bei Landwirten und Fleischverarbeitern läuft der Strukturwandel auf vollen Touren.

Der VEZG-Preis knackt die Zwei-Euro-Marke. Diese Marktmeldung der letzten November-Woche dürfte den Pulsschlag der Fleischverarbeiter nachhaltig in gefährliche Höhen treiben. Denn eins ist anders als vor 18 Jahren zu Zeiten der BSE- und MKS-Krise oder 2017, als die Branche mit einem kräftigen Ertragseinbruch zurecht kommen musste und auch immer wieder mit stark schwankenden Rohstoffpreisen, gesättigten Märkten und der Macht des Handels zu kämpfen hatte: Den ehemals verlässlichen Schweinezyklus gibt es nicht mehr.

Immer mehr Landwirte lockt der gute Preis fürs Schwein nicht, den Bestand aufzustocken, geschweige denn in die Erzeugung neu einzutreten. Die Rahmenbedingungen haben sich verändert, zu unsicher die Verlässlichkeit der Umwelt- und Tierwohlauflagen, zu wenig wertgeschätzt die Tierhaltung insgesamt. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft läuft auf vollen Touren – und der in der Fleischverarbeitung mit. 

Mit einer Entspannung am Schlachtschweinemarkt in absehbarer Zeit rechnet niemand, zu groß ist die Nachfrage aus China und zu nah die vor der deutschen Grenze lauernden ASP. Gepaart mit Kostenfaktoren wie Tierwohl, Mindestlohn, Energie, Verpackung oder Transport ergibt der seit Jahresbeginn um 43 Prozent gestiegene Rohstoffpreis eine existenzbedrohende Geschäftslage. Der Ruf Richtung Handel nach ehrlichen Preisen wird umso verständlicher, da der Spielraum bei der Senkung der überproportional zu Buche schlagenden Rohstoffkosten äußerst begrenzt ist, selbst bei Internationalisierung des Fleischeinkaufs.

Vorausgesetzt, der Markt soll’s richten, muss der Lebensmittelhandel Farbe bekennen. Reichen ihm künftig zwei Wurstkonzerne und vielleicht noch 30 Mittelständler als Geschäftspartner neben seinen eigenen Fleischwerken oder will er Vielfalt? Die Fleischwarenindustrie steht schon lange mit dem Rücken an der Wand. Der Bundesverband fordert einen „New Deal“ mit Landwirtschaft, Handel und Verbrauchern – die Zeit dafür ist überreif. Die Schweinehalter suchen verlässliche Abnehmer, die ihre Tierwohlanstrengungen honorieren. In bestimmten Warengruppen, dazu gehören nach Erkenntnis vieler Befragungen Fleisch- und Wurstwaren, akzeptieren Verbraucher sehr wohl angemessene Preise, wenn Sortiment, Produktleistung und Service stimmen – Preissensibiliät hin oder her.

Wenn der Lebensmitteleinzelhandel diesen Spielraum bei seiner Preisbildung nutzt und seine vielfältig aufgestellten Partner partizipieren lässt, wäre auch dem gesellschaftlich geforderten Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit gedient. Rabattschlachten und Schweinebauchanzeigen, die das ehrliche Preisniveau stören, müssen dann allerdings der Vergangenheit angehören.

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