Kommentar von
Sandra Sieler

Landidyll Schein und Sein beim Verpackungsdesign

Dienstag, 05. Februar 2019
Schein und Sein klaffen mitunter weit auseinander. Besonders drastisch zeigt sich das beim Blick auf so manches Lebensmitteletikett. Was sich der kreative Designer als Bild für die Verpackung ausdenkt, hat mit der Wirklichkeit oft nicht mehr viel zu tun.

Klar sein dürfte noch, dass die Kühe, die die Milch für die Milka-Schokolade geben, nicht wirklich lila sind. Und dass es nicht das Rotkäppchen ist, das die Milch für den gleichnamigen Käse beim Bauern abholt. Diese Werbeaussagen sind bar jeder Realität, und jeder weiß das.

Schwieriger wird es, wenn die Bilder auf der Verpackung ein Idyll zeigen, dass wohl wünschenswert wäre, das aber mitnichten der Wahrheit entspricht. „Verwirrspiel im Supermarkt“ nennen das die Verbraucherschützer. Und sie haben Recht damit, wenn sie den Handel auffordern, dem ein Ende zu setzen.

Wenn beim SB-Päckchen mit Minutensteaks ein Schwein auf der Wiese gezeigt wird, das Tier aber tatsächlich nur Vollspaltenböden zu Gesicht bekommen hat, fühlt sich der Verbraucher einfach hinters Licht geführt. Wenn der Kompass auf dem Paket gleichzeitig anzeigt, dass die Haltungsform der Stufe 1 entspricht, also dem gesetzlichen Mindeststandard, sind Werbewelt und Realität offensichtlich nicht deckungsgleich. Das kann man schon dreist nennen.

Wünschenswert wäre, dass sich solche Mogeleien mit dem Tierwohlkennzeichen des Bundesministeriums von selbst erledigen. Entweder, weil die Verpackungsdesigner selbst realistischer sein wollen, oder weil der Käufer im Supermarkt genauer hinschaut, was er in den Einkaufswagen legt. Wenn Klöckners Kennzeichnung das hält, was sie verspricht, können bald all jene, die in Umfragen immer wieder ihre Zahlungsbereitschaft für echtes Tierwohl beteuern, das endlich mal beweisen. Eine Abstimmung mit den Füßen sozusagen. Dann dürfte das konventionell erzeugte Fleisch bald zum Nischensortiment werden. Doch das bleibt abzuwarten.

Charolais Herde - BU Weidehaltung
(Bild: jus)

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Landidyll Versprechen oder Schwindel

Mit ihren Werbelügen konterkarieren die Handelsketten in leichtfertiger Weise ihre Bemühungen um Transparenz und bessere Haltungsbedingungen. Und für diese edlen Motive lassen sich Aldi, Lidl & Co. ja nur allzu gern feiern. Ein ernsthafter Einsatz für eine Besserung der Haltungsbedingungen in Deutschlands Ställen sieht anders aus. Wenn sich die realen Bedingungen im Massenschweinestall nicht fürs Etikett eignen, warum lässt man es nicht? Für die werbenden Unternehmen ist es wohl einfach zu verlockend, die wieder erwachte Sehnsucht der Kunden nach Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und nach der ländlichen Idylle zu erfüllen. Manchmal eben um jeden Preis.

Und hier genau ist der Handwerksfleischer im Vorteil, mag man nun denken. Im Fachgeschäft stammt das Fleisch aus der direkten Umgebung, das Schwein ist eben noch vergnügt durch Stroh getollt. Bei einem Gutteil der Metzgereien ist das tatsächlich so. Im Idealfall kann sich der Käufer beim Landwirt im Nachbarort gleich selbst ein Bild von den glücklichen Schweinchen machen. Hier passen Kundenwunsch und Wirklichkeit perfekt aufeinander.
„Mit ihren Werbelügen konterkarieren die Handelsketten in leichtfertiger Weise ihre Bemühungen um Transparenz und bessere Haltungsbedingungen. “
Nun schlachten aber längst nicht mehr alle Handwerksfleischer selbst. Und das gilt vermutlich für mehr als die Hälfte der Fachgeschäfte. Dennoch haben viele Kollegen einen Weg gefunden, sich mit Fleisch aus der Region und/oder aus besonders tierfreundlicher Haltung zu versorgen. Das lässt sich ohne Probleme so kommunizieren. Obschon derjenige, der auf ein besonderes Fleischprogramm zurückgreift, dem Anbieter glauben muss, dass alle Punkte des Lastenhefts strengstens eingehalten werden. Eine Vertrauensfrage. Wer auf das Standardfleisch der großen Anbieter setzt, muss dann schon abweichende Attribute für die Werbung nutzen. Andernfalls klafft hier dieselbe Lücke zwischen Schein und Sein wie im Supermarkt oder Discounter. Allein die Sorgfalt bei der Fleischauswahl und die handwerkliche Verarbeitung unter meisterlicher Aufsicht bieten reichlich Anknüpfungspunkte.

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