Kommentar von
Jörg Schiffeler

Lebensmittelpreise Freiheit nachhaltig gestalten statt Lenkung durch den Staat

Dienstag, 28. Januar 2020
In diesen Tagen steht der Lebensmitteleinzelhandel am Pranger.

Greenpeace wettert gegen Billigfleisch. Die „Essensretter“ von Foodwatch nehmen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner in die Mangel, weil die CDU-Politikerin die Verbraucher in der Pflicht sieht, für eine nachhaltigere Lebensmittelproduktion mehr Geld auszugeben. Daneben forderte die Initiative „Land schafft Verbindung – Deutschland“ für Landwirte „faire Preise“. Bevor Edeka Minden-Hannover mit seiner Werbung zum 100. Geburtstag der Regionalgesellschaft für Entsetzen und Kopfschütteln sorgte, schaltete sich bereits die Bundeskanzlerin ein.

Greenpeace
(Bild: imago images / IPON)

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Lebensmitteleinzelhandel Greenpeace prangert Billigfleisch an

Angela Merkel macht Preisdumping von Lebensmitteln zur Chefsache und zitiert Edeka sowie die Lenker von Aldi, Lidl, Kaufland und Rewe ins Kanzleramt. Bei dem Treffen in der kommenden Woche sind auch die Handelsverbände HDE und BVLH sowie der Lebensmittelverband Deutschland und die Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE) geladen.

Dass sich die Regierungschefin der Gemengelage annimmt, dürfte so manche Anspruchsgruppe zufriedenstellen. Habe ich Sie ertappt? Vorsicht ist geboten, denn wohin führt das? Kann es am Ende zu Verboten von Rabattaktionen kommen? Das forderte vor fast genau einem Jahr die Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) von der Regierung der Republik Österreich.
Klöckner Merkel
(Bild: imago images / Metodi Popow)

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Lebensmittelpreise Merkel macht Dumping zur Chefsache

Gehören nicht Preisaktionen und Rabatte zur Realität der Marktwirtschaft? Hierzulande schmückten die Attribute „frei und sozial“ zwar einst sehr viel deutlicher unser Wirtschaftssystem, in dem bis heute das Verhältnis von Angebot und Nachfrage durch den Markt geregelt wird. Die Politik hat lediglich dafür zu sorgen, dass es nicht zu Wettbewerbsverzerrungen kommt. Ebenso müssen Behörden die Einhaltung von Gesetzen überwachen.

Wenn von Billigfleisch, Lockvogelangeboten und Dumpingpreisen die Rede ist, ist das zunächst eine subjektive Wahrnehmung für etwas, was man kaufen kann. Nun beschäftigen Sie sich als Leser genau wie das afz-Redaktionsteam mit der Herstellung von Lebensmitteln. Was eine billige Wurst ist, ist bislang ungeklärt. Das gilt auch für das Minutensteak zum Tiefstpreis oder den Frische-Kracher Hackfleisch im XXL-Pack mit 16 Prozent Ersparnis.
„Gehören nicht Preisaktionen und Rabatte zur Realität der Marktwirtschaft? Und ab wann ist etwas ‚billig‘?“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Gerade weil die gesetzlichen Anforderungen rund um die Lebensmittelproduktion sehr streng sind, taugt der Verkaufspreis kaum als Qualitätsparameter. Das bringen viele Produkttests von Verbrauchermagazinen immer wieder ans Licht. Unternehmen erarbeiten sich durchaus kalkulatorische Vorteile durch moderne Herstellungsverfahren und Produktionsanlagen, unterstützt durch Automatisation und Robotik, Digitalisierung und vieles mehr. So sehr sich die Verbraucher nach Handarbeit aus der Manufaktur sehnen, so wenig lassen sich daraus Rückschlüsse auf die Qualität ziehen. Vielmehr ist es doch so, dass es unzählige Merkmale für unterschiedliche Qualitätsausprägungen gibt. Das kennen wir beispielsweise aus dem Automobilbau.

Die Deutschen belügen sich bei kaum etwas anderem so sehr wie beim Essen. Viele Verbraucher wollen weniger Fleisch essen, nennen aber als Leibspeise Currywurst. Sie wollen sich gesund ernähren, greifen aber zu Fertiggerichten. Sie wünschen Fleisch von Tieren, die artgerecht gehalten wurden, bedienen sich trotzdem in Handel und Discount an Produkten aus der Haltungsform 1 oder 2. Dagegen ist die Schnäppchenjagd bei Klamotten und Reisen für die Verbraucher okay. Sie wollen sich nicht für ein derartiges Konsumverhalten rechtfertigen.
Einkauf - LEH
(Bild: imago images / Jochen Tack)

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Konsumgewohnheiten Wunsch und Wirklichkeit

Lebensmittel sind eben die Mittel zum Leben. Und wenn es sich dabei um Erzeugnisse aus tierischer Produktion handelt, sind sowohl Augenmaß als auch Verantwortung in jeder Hinsicht erforderlich. Denn immer musste zuvor ein Tier sein Leben lassen, um uns Menschen zu ernähren. Wer sich Tierwohl auf die Fahnen schreibt, muss Farbe bekennen für die Wertschätzung bis in die Regale. Nutzen Sie Ihren Handlungsspielraum, in dem Sie faire Preise verlangen. Das ist besser als jede Lenkung durch den Staat.

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