Kommentar von
Jörg Schiffeler

Nutztierstrategie Deutsche Kunden allein können die Schweinehalter nicht retten

Dienstag, 17. Juli 2018
Um das Schwein ist es aktuell nicht gut bestellt. Die Geschäfte mit dem wertvollen Lebensmittel – egal ob Edelteile oder Schlachtnebenprodukte – laufen nicht zufriedenstellend.

In den Medien sorgen Kastenstände von Sauen für Schlagzeilen und erste Publikumsmagazine berichten über das näher rückende Aus der betäubungslosen Ferkelkastration zum Jahreswechsel. Da vergeht so manchem Bürger der Appetit. Oftmals allerdings unbegründet, denn Schutzkörbe sichern vor allem das Überleben des Nachwuchses. Und die wirksame Schmerzausschaltung ist gesellschaftspolitischer Konsens.

Die Branche selbst spürt die Veränderungen auf dem internationalen Parkett: Russland will in den nächsten zehn Jahren in die Top fünf der weltweiten Exporteure von Schweinefleisch vorrücken, China baut seine ohnehin unvorstellbar starke Erzeugung weiter aus und Spanien sowie die Vereinigten Staaten eilen zu weiteren Rekorden in der Schweinemast. Weiter zu beobachten bleibt die Situation in Brasilien und Mexiko. Diese Entwicklungen ziehen auch am Inlandsmarkt nicht vorbei. Sie beeinflussen ihn nachhaltig.

Schweineschlachtung
(Bild: Ralf Baumgarten / Die Lebensmittelwirtschaft)

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Die deutsche Leitnotierung spiegelt mit ihrem nicht vom Fleck kommenden Kurs sowohl die schwächere Nachfrage als auch das kleinere Angebot wider. Ähnlich ist die Situation in Belgien und den Niederlanden. In Spanien festigte sich der Preis für Schlachtschweine nicht nur wegen einer steigenden Nachfrage in Folge anziehender Touristenströme, sondern weil die Exporte nach Osteuropa und Asien zulegen.

Problematisch ist die Bewertung der Schweine am Schlachtschweinemarkt. Fällt die Notierung, kaufen Metzger und Fleischhändler preiswerter ein – zu Lasten der Bauern. Alle kennen auch die umgekehrte Situation: Erhält der Landwirt mehr pro Kilo Schlachtgewicht, schmeckt es weder den Betrieben des Fleischerhandwerks noch Wurstfabriken und Händlern. So einfach ist das heute nicht mehr. Problematisch für das wirtschaftliche Überleben der Mastbetriebe sind immer höhere Anforderungen an die Haltung von Tieren und die Ausstattung von Anlagen. Sie müssen gestemmt werden und verlangen nach Investitionen. Diese muss der Kunde am Ende der Kette am Point-of-Sale mittragen.
Schweinefleisch
(Bild: Peter Smola / pixelio.de)

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Unklar ist nach wie vor, wie weit der Verbraucher mitgeht. Welchen Aufwand ist er bereit zu zahlen? Fleischer und Lebensmittelhändler tasten sich hier ran. Verkaufsstarke Argumente wie „Antibiotikafrei“, „Bio“, „Regional“, „Strohschwein“, „Tierwohl“ und vieles mehr werden ausgelotet. Selten aber wird offen darüber gesprochen, welches Programm zieht und welches floppt. Den großen vier Schlachtern in Deutschland geht es nicht anders. Produziert und geliefert wird, was der Markt verlangt – so ihr Credo.
„Die globalen Warenströme werden noch volatiler. Deshalb müssen die Beteiligten in der Kette der Fleischwirtschaft – von der Erzeugung über die Gewinnung, Verarbeitung und Vermarktung – noch enger zusammenrücken und definieren, was Land- und Fleischwirtschaft leisten wollen.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Der Sektor braucht Exportmärkte, denn Öhrchen, Rüssel, Pfötchen und Ringelschwänzchen lassen sich gerade in Fernost bestens platzieren neben maßgeschneiderten Bäuchen, Schinken, Schultern und Lachsen. Die nachhaltige Verwertung rechtfertigt Lieferungen ins Ausland. Die internationalen Warenströme werden mutmaßlich noch volatiler werden. Gerade deshalb müssen die Beteiligten in der Kette der Fleischwirtschaft – von der Erzeugung über die Gewinnung, Verarbeitung und Vermarktung – noch enger zusammenrücken und definieren, was Land- und Fleischwirtschaft leisten wollen. Natürlich müssen dabei die gesellschaftlichen Strömungen einer nachhaltigen Nutztierhaltung Berücksichtigung finden.

Der Erfolg mit Schweinefleisch wird maßgeblich beeinflusst durch Qualität, Flexibilität und Service am Kunden. Jeder dieser Faktoren muss mit weiteren Parametern transparent belegt werden. Nur wenn das Gleichgewicht zwischen Versprechen und Nutzen stimmt, wird sich auch der bewusste, überlegte Konsum von Schweinefleisch hierzulande wieder stabilisieren.

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