Kommentar von
Sandra Sieler

Onlinehandel Keine Zukunftsmusik

Dienstag, 19. April 2016
Wer eine Ahnung davon bekommen will, in welche Richtung sich der Lebensmittelhandel entwickelt, der wirft einen Blick über den Tellerrand, besser gesagt über die Bundesgrenzen: Die europäischen Vorreiter in diesem Sektor finden sich in Großbritannien, den Niederlanden oder Frankreich. Neue Trends im Shopdesign, beim Convenience-Angebot oder bei neuen Vertriebsschienen nehmen ihren Lauf nicht selten jenseits des Ärmelkanals. Da dürfte der Onlinehandel mit Lebensmitteln keine Ausnahme machen.

Aktuell dümpelt das Geschäft noch leicht vor sich hin, so könnte man sagen, mit einer Reichweite von 17Prozent und 0,7 Prozent Umsatzanteil von Onlineverkäufen am Gesamtmarkt der FMCG, den so genannten Schnelldrehern. Darunter fallen die Konsumgüter des täglichen Bedarfs, wie Nahrungsmittel, Körperpflegeprodukte, Reinigungsmittel und so weiter. Im Vereinigten Königreich werden diese Produkte schon von fast der Hälfte der Bewohner zumindest hin und wieder im Netz geordert, in Frankreich von einem Drittel. Und auch hierzulande entwickelt sich der Markt äußerst dynamisch. Da tut sich was.

Als dicken Minuspunkt sehen die Marktforscher das fehlende „echte“ Einkaufserlebnis. Das zeigt, dass das Internetshopping bei Lebensmitteln niemals zum Normalfall wird. Die Kunden wollen auf den Anblick appetitlich bestückter Theken und ansprechend gefüllter Regale nicht verzichten, das Fachgeschäft hat weiter gute Karten.

Dass ein Onlineshop mit ausgesuchten Spezialitäten aber ein wirtschaftlich lohnenswertes Standbein sein kann, zeigt nicht zuletzt der Erfolg von Otto Gourmet. Die drei Brüder starteten ihr Unternehmen vor etwa zehn Jahren und sind heute wohl der Inbegriff der Online-Vermarktung von feinstem Fleisch. Dabei verfolgen sie den selbst auferlegten „4-G-Anspruch“: Genuss, Geschmack und gutes Gewissen. Der Stratege unter den Gebrüdern, Stephan Otto, ist der Meinung, Fleisch per Internet zu verkaufen, funktioniert nur in der Nische. Will heißen: Das klappt nur mit Produkten, die es im Laden nicht oder nur selten zu kaufen gibt.

Genau hier liegt die Chance für das Fleischerhandwerk. Hochwertige Fleisch- und Wurstspezialitäten gibt es (leider) nicht mehr überall flächendeckend zu kaufen. Vielleicht manchmal auch einfach nicht in der Qualität, die sich der Genusskäufer wünscht. Diese Lücke kann das Versenden handwerklich und regional erzeugter Ware schließen.

„Hochwertige Fleisch- und Wurstspezialitäten gibt es (leider) nicht mehr überall flächendeckend zu kaufen. Vielleicht manchmal auch einfach nicht in der Qualität, die sich der Genusskäufer wünscht. Diese Lücke kann das Versenden handwerklich und regional erzeugter Ware schließen.“
Sandra Sieler
Fleisch per Paket quer durch Deutschland zu schicken, ist natürlich nicht ganz einfach. Das Verpackungsmaterial muss stimmen, ebenso wie die Kühlmittel, vom Aufwand für die Datenpflege ganz zu schweigen. Und dann muss der Paketdienst die empfindliche Ware auch noch zuverlässig beim Besteller abliefern. Das erfordert einiges an Tüftelei, ohne Frage. Dass sich der Aufwand aber am Ende lohnt, beweisen neben Otto schon heute zahlreiche Metzgermeister, die den Internetshop bereits als lohnenswerte Ergänzung für sich entdeckt haben. Denn der Bedarf ist da. Und befeuert wird er noch vom weiter boomenden Trend zu edlem Fleisch auf topmodernen Grillgeräten. Diese Kunden lassen sich Qualität und besondere Zuschnitte echtes Geld kosten.

Spannend wird auch der Einstieg von Amazon in den Handel mit frischen Lebensmitteln. Der US-Gigant klappert gerade die deutschen Produzenten ab auf der Suche nach Partnern, Fleischereien inklusive. Ein Mischmodell aus Onlinebestellung und Abholung im Laden bereitet MyRollbraten.de vor. Der Kunde nimmt den nach Belieben zusammengestellten Braten im örtlichen Fleischer-Fachgeschäft in Empfang. Im Juni soll der Startschuss fallen. Wie der LAFF-Vorsitzende Jürgen Benner bei der Lebensmittelrechtstagung in Lemgo richtig bemerkte: Der Onlinehandel mit Lebensmitteln ist längst keine Zukunftsmusik mehr.

Lesen Sie dazu auch den Leitartikel "Mehr Auswahl, höhere Preise" von Sandra Sieler.

Das könnte Sie auch interessieren
stats