Kommentar von
Sandra Sieler

Qualitätsprüfung Was ein Siegel ist – und was es nicht ist

Dienstag, 17. April 2018
Schon wieder bekommt der Verbraucher das Gefühl: Egal was er isst, die Lebensmittelindustrie trickst und betrügt.

Das ZDF-Magazin Frontal 21 hat seinen Zuschauern den Appetit auf Wurst mal wieder ordentlich verdorben. Eine Mischung aus Separatorenfleisch, hydrolysierten Eiweißen, Blutplasma und Wasser, veredelt mit einer Idee von Fleisch, wurde der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) als Wurst deklariert zur Beurteilung eingesandt. Die Prüfer vergaben Silber – ein Skandal. Soweit die knappe Darstellung der TV-Sendung.

Plakativ angereichert mit den Kommentaren von Foodwatch und Politikern, die die DLG als unfähig und die Gesetzeslage als unzureichend darstellten. Wenn die Prüfer so leicht hinters Licht zu führen sind, seien die Plaketten in Gold, Silber und Bronze quasi nicht die Folie wert, auf der sie prangen. So in etwa lautete das Fazit des TV-Beitrags. Ein Redakteur der F.A.Z. stieß tags drauf ins gleiche Horn

Gefühlt folgen manche Beiträge – auch solche von Stationen, die man gemeinhin als seriös einstuft – von vornherein einem Drehbuch: Der Hersteller ist der Buhmann. Ausgestrahlt oder abgedruckt werden nur jene Aspekte, die diese These unterstützen. Wichtige Teile aber fehlen. Und wie bei einem Puzzle ist das ganze Bild oft nicht zu erkennen.

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Der Leser oder Zuschauer merkt das nicht. Er fühlt sich endlich aufgeklärt über die üblen Machenschaften der Lebensmittelwirtschaft, erinnert sich gleich wieder an Gammelfleisch, Glykol im Wein und Pferdefleisch in der Lasagne – und denkt sich einmal mehr: Was kann ich eigentlich noch essen? Eine bedenkliche Entwicklung.

Man kann darüber diskutieren, ob eine rein sensorische Prüfung verlässlich Aufschluss über die Qualität liefern kann. Oder darüber, wie aussagekräftig solche freiwilligen Modelle sein können. Vielleicht ist das aber auch nur eine Frage der Kommunikation. Wenn man das Siegel als das betrachtet, was es ist: ein freiwilliger Qualitätshinweis. Dieser kann und darf nicht die Lebensmittelüberwachung ersetzen. In Deutschland ist sie dafür zuständig, die Lebensmittelsicherheit zu sichern und zu prüfen.
„Der Lebensmitteleinzelhandel hat seine Kunden zu Geizkragen erzogen. Der aufkeimenden Renaissance der Qualitätsorientierung zum Trotz ist der Preis immer noch das vorherrschende Argument beim Kauf von Lebensmitteln.“
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Was in der medialen Betrachtung der vergangenen Woche vollkommen außen vor blieb, war zudem die Rolle der großen Handelsketten in dem komplexen Mobile aus Lebensmittelproduktion, Qualitätssicherung, Preispolitik, Handel und Verbraucher. Der Lebensmitteleinzelhandel hat seine Kunden zu Geizkragen erzogen.

Der aufkeimenden Renaissance der Qualitätsorientierung zum Trotz ist der Preis immer noch das vorherrschende Argument beim Kauf von Lebensmitteln. Das wird einem jede Woche aufs Neue bewusst, wenn zum Wochenende im Radio Supermärkte und Discounter mit Billigstpreisen werben. Mancher Anbieter ist sich ja nicht mal zu schade, schon Kinder zu Pfennigfuchsern zu erziehen.

Die Hersteller der Lebensmittel haben eigentlich kaum eine Wahl: Entweder stürzen sie sich mit in die Preisspirale oder ihre Produkte fliegen aus dem Regal. Und wo der Handel die Preise drückt, ist in der Kalkulation jeder Cent gefragt, eher noch jeder Viertel-Cent. Da werden die technologischen Spielräume voll ausgereizt. Das ist verständlich, weil oft genug überlebensnotwendig. Trotz des enormen Margendrucks darf das aber nicht in Täuschung und Betrug münden. So viel ist auch klar.

Darüber hinaus gilt das Siegel der DLG – möglichst in Gold – in der Handelswelt nach wie vor als Listungskriterium. Kein Wunder also, dass es inzwischen fast inflationär auf nahezu jeder Wurstpackung prangt. Dieser Aspekt fehlte in der Berichterstattung der letzten Woche allerdings ebenso.

Reißerische Medienberichte, die die Lebensmittelhersteller ins schlechte Licht rücken, gibt es immer wieder. Falsch wäre es aber, sich als Konsequenz zu verstecken. Nur mit Transparenz und Öffentlichkeit gegenüber seriösen Medien und dem Verbraucher gelingt es auch die Facetten zu zeigen, die in der effekthascherischen Berichterstattung zu kurz kommen.

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